Lleshi: der Punktesammler vom St. Galler Jägerhof

Benny Epstein – 20. Mai 2022
St. Gallen kann Gourmet – Die Dichte an Spitzenrestaurants ist schier einzigartig. Ein Blick in den kulinarischen Hotspot St. Gallens, wo der Gast zwischen Fine Dining und Klassikern wählt.

Kulinarik-Hotspot St. Gallen! Gemessen an der Bevölkerungszahl gibt es kaum eine andere Gegend in der Schweiz mit einer derart hohen Dichte an Gourmetlokalen. Die grossen Gastroführer zücken Spitzennoten: dreimal 2 Michelin-Sterne, dreimal 18 GaultMillau-Punkte. Mehr Zweisternerestaurants gibt es nur in Graubünden und Zürich. Bern, Waadt, Wallis, Tessin – allesamt flächenmässig grössere Kantone als St. Gallen ziehen den Kürzeren.

Spannende Küche geniesst man indes nicht nur bei den drei grossen Aushängeschildern (Igniv und Memories in Bad Ragaz, Einstein in St. Gallen). Einer, der sich in den letzten Jahren kontinuierlich zum heimlichen Liebling im Kanton mausert, ist Agron Lleshi. Der 36-Jährige absolviert bereits seine Kochlehre im Betrieb im Herzen der Stadt St. Gallen. Danach dient er im Militär durch, arbeitet für einen Cateringbetrieb und absolviert Stages bei den deutschen Spitzenköchen Johannes King (Söl’ring Hof, 2 Sterne) und Harald Wohlfahrt (Traube Tonbach, 3 Sterne), ehe er in den Jägerhof zurückkehrt. Sechs Jahre lang ist er bereits Jägerhof-Küchenchef unter Vreni Giger, ehe er sich 2016 entscheidet, die Verantwortung für das Restaurant selbst zu übernehmen. «Kein verrückter Lebenslauf», weiss Lleshi. Inspiration gewinnt er aus Kochbüchern, Restaurantbesuchen, beim Wandern und durch spannende Produkte. «Gerne tüfteln wir auch selbst, ganz ohne Vorlage.»

Seine Mutter backt die Brötchen

2017 zeichnet ihn der GaultMillau mit 15 Punkten aus, in den beiden darauffolgenden Jahren kommt je ein Punkt dazu. Steiler gehts kaum. 2020 dann der Michelin-Stern. «Ein Stern, 17 Punkte – mehr geht nicht. Mehr soll es aber nicht sein. Es soll bei uns elegant, aber locker zu und her gehen. Und wir arbeiten ohne Sponsor, mit Lernenden.» Das Fördern junger Gastrotalente ist Lleshi wichtig. Drei Lernende in der Küche, einer im Service. «Sie dürfen Ideen einbringen, das Arbeitsklima ist angenehm, ich schreie und schimpfe nicht gerne.» Total sind sie in der Küche zu sechst. «Hinzu kommt meine Mutter. Sie backt täglich die Brötchen für den Abend.» Chef de Service Wilko Bachmann ist nicht nur ein brillanter Sommelier, sondern als Prüfungsexperte auch ein Glücksfall für Lernende.
Der laute Auftritt scheint auch ausserhalb der Küche nicht Lleshis Ding zu sein. Die Freizeit verbringt der vierfache Vater lieber mit seiner Familie als auf einer Gastroparty. Dass er im Betrieb kaum je fehlt, ist für ihn selbstverständlich. «Das läge gar nicht drin bei uns, und für mich zählen nur zufriedene Gäste.» Sein Restaurant (45 Plätze) lebt von den Stammgästen, manche speisen hier zweimal pro Woche.

Im Jägerhof wählt der Gast entweder das Gourmetmenü (drei bis acht Gänge, das volle Programm kostet 190 Franken) oder Klassiker aus: Rindstatar, Vitello tonnato, Wiener Schnitzel. Dabei verzichtet der gebürtige Kosovare auf Selbstverwirklichung und Experimente aus der Molekularküche. Lleshi weiss, dass der Gast gute Produkte und ehrliches Handwerk mehr schätzt als Chichi.

So feiern ihn die Gastro-Guides

«Ein Haus, in dem man sich wohlfühlen kann, wo feine Küche auf schöne Weine und eine grosse Portion Engagement trifft», lobt der Guide Michelin. Der GaultMillau doppelt nach: «Der Jägerhof ist St. Gallens kulinarischer Hotspot, sein Chef ein blendend gelaunter Gastgeber und aussergewöhnlich talentierter Koch. Seine Power, seine Kreativität und sein Können haben Agron Lleshi einen Stern und eine wachsende Fangemeinde eingebracht.»