Hotellerie

Grand Resort Bad Ragaz stolpert über einen Brief

Benny Epstein – 23. April 2021
Das Fünfsterneresort forderte Lieferanten aufgrund der Coronakrise zu Rückzahlungen auf. Dies sorgte für medialen Wirbel. Jetzt zeigt sich Hoteldirektor Marco Zanolari einsichtig.

Ungemütliche Tage im Grand Resort Bad Ragaz: Vergangene Woche berichtet der Tages-Anzeiger, dass das Fünfsterne-Resort von seinen Zulieferern Cashbacks fordert. Bei einem Umsatz von 1500 bis 20 000 Franken, die der Zulieferer oder Produzent durch das Hotel generiert, soll er 4 Prozent in Form einer Gutschrift für das Jahr 2021 vergüten.. Je höher der Umsatz, desto höher die Rückforderung. Bei einem Umsatz von 500 000 Franken steigt sie auf 7 Prozent. Ein Solidaritätsbeitrag in der Coronakrise.

Es ist der Zürcher Oberländer Kleinproduzent Patrick Marxer, der sich im Tages-Anzeiger empört zeigt. Sein Betrieb «Das Pure» bietet Delikatessen an: Wurstwaren, geräucherte Fische, Miso-Pasten. Dass GaultMillau online einerseits über ein volles Grand Resort Bad Ragaz trotz Coronakrise schreibt und General Manager Marco Zanolari sich zitieren lässt, dass sich das Setzen auf die Karte Kulinarik nun ausbezahle, stösst Marxer sauer auf. Zumal er gleichzeitig zu einer Gutschrift gedrängt wird. «Die Grossen gehen auf die Kleinen los, dabei sitzen wir doch alle im selben Boot.» Er wirft den Verantwortlichen Machtmissbrauch vor.

Marco Zanolari

Marco Zanolari ist General Manager des Grand Resort Bad Ragaz.

«Eines der schlechtesten Jahre»

Jetzt äussert sich Zanolari zur Situation. «Zuerst möchten wir klar festhalten: Wir haben niemanden gezwungen oder erpresst», sagt er gegenüber GastroJournal. «Aber klar, als Lieferant oder Produzent kriegt man einen solchen Brief nicht gerne.» Wichtig fürs Verständnis sei der Blick zurück auf die vergangenen Monate. «Zu Weihnachten und Neujahr war im Hotel nichts los, dann entfiel das WEF. Das sind üblicherweise sehr wichtige Termine im Jahr.» So schrieb das Resort 2020 einen Verlust von 7,6 Millionen Franken. Zanolari: «Es war das wirtschaftlich schlechteste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg.»

Man sei nervös gewesen gegen Ende des letzten Jahres. «Wir standen Ende 2020 vor praktisch leeren Büchern, was bedeutet hätte, dass 700 Angestellte keine Jobs mehr haben würden.» Und so sei dieser Brief verfasst worden. «Mittlerweile bereue ich das Schreiben. Ich würde es in dieser Form nicht wieder aufsetzen.» Dies, obschon die meisten Lieferanten mit Verständnis reagierten und ihre Unterstützung zusicherten.

Das passt nicht zum Grand Resort

Machtmissbrauch gegenüber Lieferanten und Produzenten – das passt so gar nicht zu jenem Fünfsterneresort, das Beziehungen zu lokalen Produzenten intensiver führt als manch anderes Hotel der gleichen Klasse. Im einen Zweisternerestaurant des Hauses (Memories) kommen bei Sven Wassmer fast nur Produkte aus der nächsten Umgebung auf den Teller, der Service nennt die Produzenten vor dem Gast mit Namen. Im anderen (Igniv) pflegt Sommelier und Restaurantleiter Francesco Benvenuto seit Jahren engste Beziehungen zu den Winzern der Bündner Herrschaft und zaubert so nicht nur äusserst rare, gereifte Trouvaillen und Grossflaschen auf die Weinkarte, sondern darf sogar exklusive Sonder­abfüllungen ausschenken. In Bad Ragaz werden Partnerschaften auf Augenhöhe mit den Produzenten eigentlich förmlich zelebriert.

Besonders ärgerlich für Zanolari: Das Bestellvolumen bei Patrick Marxer liegt im vergangenen Jahr im unteren vierstelligen Bereich. «Es geht also um ein Cashback von 80 Franken.» Doch Zanolari will mit dieser Aussage nicht etwa Marxers Empörung ins Lächerliche ziehen. «Nein, wenn ich mir das heute anschaue, muss ich sagen: Wir haben einen Fehler begangen. Wir riskierten wider besseres Wissen einen Imageschaden, der schmerzt und sind uns dessen erst jetzt bewusst geworden.» Noch einmal betont er: «Wir würden diesen Brief heute nicht mehr versenden. Mir tut die Angelegenheit aufrichtig leid.»

Die Hotelführung werde nun nochmals über die Bücher gehen und die Cashback-Geschichte überdenken. Eines möchte der Churer allerdings festhalten: «Nur weil wir das Hotel des Jahres sind, heisst dies nicht, dass uns der letztjährige Verlust von 7,6 Millionen Franken nicht schmerzt.» Schmerzhaft ist für Zanolari, der den verhängnisvollen Brief gemeinsam mit Geschäftsführer Patrick Vogler unterzeichnet hatte, auch diese Erfahrung. Schmerzhaft und lehrreich.