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Mit Weintourismus zur kulinarischen Grösse

Vincent Lehmann und Caroline Goldschmid – 18. Juli 2019
Ursprünglich vom Kanton Waadt lanciert, ist das Projekt Vaud Œnotourisme heute von einem privaten Unternehmen geführt, an dessen Spitze Yann Stucki steht – der Mann, mit dem alles seinen Anfang nahm. Er und andere Experten verraten im Vorfeld des Winzerfests von Vevey ihre Strategien zum Weintourismus.

2014 lancierte der Kanton Waadt mit einem Budget von 25 Millionen Franken das Projekt «Vaud Œnotourisme». Dieses ist vor Kurzem in die «Association Vaud Œnotourisme» übergegangen, dem Verband für Weintourismus im Waadtland. Die Organisation setzt sich unter anderem mit dem Gastronomietourismus auseinander und wird von Andreas Banholzer, Direktor von Waadtland Tourismus, und Gilles Meystre, Präsident von GastroVaud, geleitet. Sie hat das Unternehmen Swiss Creative, das von Yann Stucki und zwei weiteren Gesellschaftern geführt wird, mit dem Projekt «Vaud Œnotourisme» beauftragt. «Ich war überzeugt, dass ich meinen Kanton gut kenne…»
Ein schöner Erfolg für den Waadtländer Yann Stucki, der seit den Anfängen von «Vaud Œnotourisme» 2013 als Projektleiter dabei ist. Als ehemaliger Präsident des Waadtländer Verbands für die Landjugend hat er früh gelernt, wie wichtig der Aufbau und die Pflege eines Netzwerkes sind. Nach diversen Stationen im Tourismus in Crans-Montana und Vevey-Montreux sowie einem Abstecher hinter die Kulissen der Olympischen Jugendspiele in Innsbruck gehört Yann Stucki nun zu den Ersten, die an eine erfolgreiche Zukunft des Projekts «Vaud Œnotourisme» glauben. t dem Projekt ‹Vaud Œnotourisme› eine weitere Werbeplattform für Wein ins Leben zu rufen. Vielmehr wollen wir eine nationale Präsenz und ein Netzwerk aufbauen, um verschiedene Dienstleister und Partner zu unterstützen. Mein Büro war ab sofort draussen, und ich habe nur noch wenig Zeit hinter Computerbildschirmen verbracht. » Ein Zitat von Mike Horn beschreibe seine Erfahrung gut: Um sich auf den Weg zu machen, brauche man nur fünf Prozent der Antworten auf unsere Fragen. Die restlichen finde man unterwegs. Ein professioneller Empfang will gelernt sein
Das Projekt «Vaud Œnotourisme» richtet sich sowohl an Fachpersonen aus dem Gastgewerbe als auch an solche aus dem Weinanbau und -handel. Diesen rät Yann Stucki mit Nachdruck, dass sie sich der Bedeutung eines professionellen Empfangs bewusst sind. «Manche denken, dass sich die Teilnahme am Projekt darauf begrenzt, Kollegen bei sich zu empfangen und ihnen zwei Kisten Weisswein zu verkaufen. Dabei geht es vielmehr darum, unsere Partner darin zu unterstützen, neue Aktivitäten und Anlässe zu organisieren, die rentabel sind. Das setzt zusätzliche Arbeit voraus, aber auch Entschlossenheit und den Wunsch, bestehende Strukturen und Muster zu verändern.» Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein elektronisches Kartenlesegerät sei in den Betrieben keine Selbstverständlichkeit, aber heutzutage unabdingbar. Branchenleute sollten gemäss Yann Stucki nie glauben, dass sie bereits alles erreicht haben und alles über ihr Fachgebiet wissen. «Wir sind nicht da, um unsere Partner zu kritisieren oder zu belehren. Aber wir wünschen uns, dass sie offen und bereit sind, ihre Angebote zu optimieren und konstruktive Kritik anzunehmen, wenn diese den Gästen zugutekommt.» Ein neuer staatlich kontrollierter Apparat?
So wie es bei Projekten häufig der Fall ist, musste auch «Vaud Œnotourisme» zunächst viel Skepsis und Kritik einstecken. Einer der ersten organisierten Anlässe fand in etwas ungewöhnlicher Form statt, nämlich als Tournee durch die sechs Waadtländer Weinanbau-Regionen, die vom in der Romandie bekannten Komiker-Duo Cuche und Barbezat begleitet wurde. Die provokanten Kommentare während der Reise sorgten für Aufruhr, doch letztlich hat sich der Promotionsanlass für «Vaud Œnotourisme» ausgezahlt. «Manche Skeptiker befürchteten, dass mit dem Projekt ein neuer staatlich kontrollierter Apparat entstehe. Wir mussten uns mit vielen Kritikern auseinandersetzen und lange Diskussionen führen. Dennoch wurde ich von ihnen nie ausgeschlossen, sondern man hat mir zugehört und mir die Möglichkeit gegeben, meine Sichtweise darzulegen.» Heute macht es Yann Stucki umso glücklicher, dass «einzelne Kritiker nun zu den überzeugtesten Botschaftern des Projekts gehören». Wer sich als Betrieb, der den Weintourismus in der Schweiz fördert, positionieren möchte, der kann eine Zertifizierung von «Vaud Œnotourisme» erlangen. Dafür muss man eine Ausbildung absolvieren, welche Kenntnisse zum Weintourismus allgemein, aber auch Informationen zu den verschiedenen Tätigkeitsbereichen und Partnern vermittelt. Die Zertifizierung ist bereichsübergreifend und interregional. Sie möchte den Teilnehmenden aufzeigen, welchen Mehrwert die Zusammenarbeit zwischen Bereichen und Partnern bietet. «Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er seine Arbeit zu verrichten hat, sondern helfen, eine neue Sichtweise zu entwickeln. Die Interessenten sollen ihre Kollegen nicht als Konkurrenten sehen, sondern als potenzielle Partner. Zudem möchten wir als Verein mehr Anlässe organisieren, die attraktiv und rentabel sind – auch wenn sie nicht direkt zu mehr Weinverkäufen führen.» Aktuell haben über 70 Betriebe im Kanton Waadt eine Zertifizierung von «Vaud Œnotourisme». Der Verein plant, seine Tätigkeit in Zusammenarbeit mit Swiss Creative in der gesamten Schweiz auszubauen – und hat dazu schon positive Rückmeldungen erhalten.

GJ YannStucki
A votre santé im Lavaux: Der Waadtländer
Yann Stucki ist seit den Anfängen von
«Vaud Œnotourisme» mit von der Partie.
Foto: Mickel Naumann

Zusammenarbeit mit lokalen Winzern
Als sie Ende 2017 die Hostellerie du Château in Rolle VD übernahmen, wussten Nicoline Anjema Robin und ihr Mann Edy bereits, wie man sich einer grossen Herausforderung stellt. «Ich mag die Challenge, ein Lokal zu übernehmen, das nicht mehr gut läuft», sagt Nicoline: «Die Stadt Rolle brauchte ein Hotel-Restaurant wie dieses. Wir befinden uns momentan noch in der Anlaufphase, denn die Übernahme war nicht ganz einfach: Es gab sehr viel zu tun, da das Gebäude über die Jahre kaum unterhalten wurde. Zudem mussten wir bei der lokalen Bevölkerung einen neuen Ruf aufbauen.» Die ehemaligen Pächter des Café Vaudois, das sich am anderen Ende der Grand-Rue in Rolle befindet, investierten viel in das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit 16 Schlafzimmern. Dies mit dem Ziel, die «Terroir»-Linie zu erhalten. Demnächst wird Edy Robin die Ausbildung für die Zertifizierung von «Vaud Œnotourisme» absolvieren. Obwohl ihn das viel Zeit und Energie kosten wird, steht das Paar ganz hinter der Zertifizierung, die im Einklang mit ihrer persönlichen Philosophie steht. «In unserem vorherigen Restaurant boten wir auch schon Waadtländer Küche mit lokalen Produkten an. Die Teilnahme am Weintourismus-Projekt ist für uns daher eine Selbstverständlichkeit.» Bis zur Übernahme wurden die Hotelzimmer in der Hostellerie du Château nach internationalen Persönlichkeiten benannt, beispielsweise nach Picasso oder Van Gogh. Heute weist jedes Zimmer auf einen lokalen Winzer hin: An der Zimmertür hängt jeweils eine Plakette mit dem entsprechenden Weingut, und auch die Dekoration wurde zusammen mit dem Winzer erarbeitet. «Der Winzer kann im Zimmer zum Beispiel eigene Flyer oder Degustationsgutscheine auflegen, aber auch Fotos von seinem Weingut aufhängen oder alte Weinflaschen zur Schau stellen – die kommen sehr gut an, denn einige davon sind bereits verschwunden … Mir gefällt die Idee einer solchen Zusammenarbeit sehr, vor allem der Aspekt, dass man Teil einer regionalen Bewegung ist.» Für Nicoline Robin ist es noch zu früh, um einzuschätzen, wie sich die Zertifizierung von «Vaud Œnotourisme» auf den Umsatz in ihrem Betrieb auswirkt. Aber sie zweifelt nicht am Nutzen, den sie ihr in Form von Werbung und Sichtbarkeit bringen wird. «Ich bin stolz auf das, was ich meinen Gästen biete – denn ich serviere ihnen genau das, was ich selber gerne essen oder trinken möchte.» Die Beziehung, die Nicoline zu den Winzern pflegt, geht über eine einfache Lieferantenpartnerschaft hinaus: Viele kommen auch privat regelmässig zu ihr essen und empfehlen ihr Restaurant den eigenen Kunden weiter. Projekt überzeugt von der Romandie bis in den Aargau
Auch in der Deutschschweiz sind sich Branchenleute der grossen Bedeutung des Önotourismus immer bewusster, die Partnerschaften nehmen ebenfalls zu. Ein Beispiel dafür ist der Elsässer Stéphane Wirth, der seit sieben Jahren mit seiner Frau das Hotel-Restaurant Zum Hirschen in Villigen AG führt und seit diesem Jahr dessen Inhaber ist. Von Anfang an hat sich das Paar darum bemüht, lokale Weine zu fördern und direkt mit den Winzern aus der Region zusammenzuarbeiten. «Wir ziehen kleinere Produzenten den grossen Weinkellern vor», erklärt Stéphane Wirth: «Unser Weinvermittler ist ein guter Freund von uns, der uns eine Auswahl von Weinen aus der ganzen Schweiz zusammenstellt, die nicht überall zu finden sind. Es geht uns im Restaurant nicht darum, eine grosse Weinkarte anzubieten, sondern jeden Monat andere Weine im Offenausschank zu servieren – insbesondere solche aus dem Aargau und der Region.» Im Hirschen werden alle Weine im Offenausschank serviert, um die Direktkäufe bei den Winzern anzukurbeln. «Viele unserer Gäste machen hier in der Region Fahrradtouren oder Wanderungen. Unsere Idee ist, dass sie bei uns ein Glas Wein probieren und anschliessend den jeweiligen Winzer besuchen», erklärt der Gastgeber. Stéphane Wirth ist überzeugt, dass alles, was mit Weintourismus zu tun hat, automatisch auch der Region, den Gastronomen und den Winzern zugutekommt. «Zu den wichtigsten Aufgaben eines Gastgebers gehört es, lokalen Wein zu fördern. Denn ein Restaurant ist ein Schaufenster der Region, und wenn man seine Arbeit gut macht, dann werden die Menschen einen weiterempfehlen.» Stéphane Wirth stellt fest, dass immer mehr touristische Anlässe in der Deutschschweiz stattfinden: Ein Beispiel dafür ist die «Genuss-Strasse», eine 175 Kilometer lange Route, die vom Jurapark im Aargau entworfen wurde. Die Tour führt an über zwanzig Produzenten, einem Dutzend Weingüter und 15 Restaurants (darunter der Hirschen in Villigen) im ganzen Kanton vorbei. Stéphane Wirth weiss um das Potenzial, das sich hinter der Förderung des Terroirs und den Synergien zwischen verschiedenen Bereichen verbirgt. Der Gastgeber kann sich gut vorstellen, seinen Betrieb zertifizieren zu lassen, sobald ein Projekt wie «Vaud Œnotourisme» in der Deutschschweiz lanciert wird. «Mir fällt auf, wie stark sich der Tourismus in unserer Region weiterentwickelt, und ich möchte diesen Zug nicht verpassen.»

 GJ fetedesvignerons Arena
In der Arena der «Fête des Vignerons 2019»
in Vevey ­finden bis zu 20 000 Besucher Platz.
Foto: ZVG

Das Dritte Weintourismustreffen in der Schweiz, zum ersten mal im Wallis
Das Weintourismustreffen findet dieses Jahr am 12. September statt und wird zum ersten Mal in Chamoson VS durchgeführt. Zu den renommierten Referenten gehört Catherine Lepar
mentier. Sie erklärt, wie aus ihrer Heimatstadt Bordeaux eine Top-Destination für Weintourismus geworden ist. «Der Schweizer Weintouris­muspreis und das ­Weintourismustreffen sind Herzensprojekte», erklärt Mitgründer Yann Stucki: «Dass wir den Anlass dieses Jahr zum ersten Mal im Wallis, dem führenden Weinkanton der Schweiz, durchführen können, ist für uns ein Meilenstein. Denn der Kanton fördert den Weintourismus mit diversen Projekten, die für alle Fachleute in unserem Land sehr inspirierend sind.»

«Fête des Vignerons»: Das grosse Winzerfest der Schweiz

Sie ist die erste Schweizer Tradition, die von der Unesco anerkannt wurde: Die «Fête des Vignerons» findet vom 18. Juli bis zum 11. August 2019 statt und fördert den Schweizer Weintourismus weltweit. Vincent Lehmann Noch ist es zu früh, um über die Qualität des Weinjahrgangs 2019 zu sprechen, doch eins ist sicher: Schweizer Wein wird dieses Jahr eine völlig neue internationale Anerkennung erfahren. So zitierte die Zeitung «Le Matin» am 26. Juni den einflussreichen amerikanischen Kolumnisten John Mariani, der im Magazin «Forbes» über seine Leidenschaft für Spitzenweine aus dem Wallis, Waadtland und Tessin schrieb. Und einige Monate zuvor kürten die Zeitungen «The Guardian» aus Grossbritannien und «New York Times» aus den USA die Stadt Vevey als Top-Reisedestination. In ihrem Beitrag verwiesen sie ausdrücklich auf das Schweizer Winzerfest, das ungefähr alle 25 Jahre in der Stadt am Genfersee durchgeführt wird. Die Arena in Vevey VD, in der die «Fête des Vignerons» stattfindet, hat sich über die Jahre verändert: Während sie im Jahr 1979 noch 2000 Plätze bot, sind es heute bereits 20 000. Auf einer Fläche von insgesamt 14 000 Quadratmetern befinden sich eine Hauptbühne, die so gross ist wie ein Olympia-Schwimmbecken, sowie 400 Lautsprecher, 2000 Scheinwerfer und 870 Quadratmeter LED-Boden: der grösste, der je für ein Openair-Spektakel aufgebaut wurde. «Es ist ein aussergewöhnlicher Anlass, der einen grossen Einfluss auf die Region hat», ist Bernard Schmid überzeugt. Der Direktor für die Wirtschaftsförderung der Region Riviera-Lavaux erwartet aufgrund der Ausgaben vor Ort «einen noch weitaus grösseren wirtschaftlichen Nutzen». Hier finden bis zum 11. August je zehn Aufführungen am Tag (11 Uhr) und abends um 21 Uhr statt. 5500 Laienschauspieler werden ihren Auftritt haben. Anlass mit internationaler Strahlkraft
«2019 werden alle Lichter auf den Kanton Waadt und seine Winzer gerichtet sein. Selbstverständlich werden davon auch das Gastgewerbe und Lebensmittelberufe profitieren», betont Benjamin Gehrig, Direktor des «Office des Vins Vaudois» (OVV), der offiziellen Promotionsstelle für Waadtländer Weine. Das Interesse am grossen Winzerfest habe jedoch nicht von heute auf morgen zugenommen: «Ich war sehr überrascht, als ich kürzlich bei einem Besuch in der Kantonsbibliothek Lausanne ein altes Poster vom Winzerfest entdeckt habe, auf dem der Text bereits in Englisch verfasst war!» Grosse Bühne für Gastronomie
Manche Kritiker befürchten, dass der Fokus des Winzerfests ganz auf den Weinen des Lavaux-Gebietes ruhen wird – und andere Anbaugebiete dabei zu kurz kommen. Doch das «Office des Vins Vaudois» ist sich dieser Problematik bewusst und konnte zusammen mit der Weinkommission des Festivals sicherstellen, dass nicht nur lokale Anbieter im Mittelpunkt stehen werden. Die Weinkarte wird während des gesamten Festes wöchentlich wechseln, und die Besucher können Weine von rund 30 Produzenten aus allen Anbaugebieten der Schweiz entdecken. Auch die Gastronomie hat mit rund 100 Restaurants und verschiedenen Geschmacksrichtungen ihre grosse Bühne in Vevey. Zur Erinnerung: Das Spektakel findet nur alle 20 Jahre statt!