«Der Tourismus wird zerstört»

Oliver Borner – 23. April 2026
Die Gastgewerbebranche stellt sich klar gegen die «10-Millionen-Schweiz-Initiative» der SVP. Für die Vertreterinnen und Vertreter aus Hotellerie, Gastronomie, Seilbahnen und Tourismusdestinationen ist klar: Die Initiative gefährdet Wertschöpfung, Investitionen und die internationale Anbindung der Schweiz.

Ein Rettungsring als Symbol für die Rettung des Tourismus: So positionierten sich heute in Basel Vertreterinnen und Vertreter der Gastronomie-, Hotellerie- und Tourismusbranche am Medienanlass gegen die 10-Millionen-Schweiz-Initative der SVP. Die Botschaft der Gegnerinnen und Gegner der Initiative ist klar: Ohne Fachkräfte aus dem Ausland steht der Tourismus und alle mit ihm verwobenen Branchen still. «Die Chaos-Initiative trifft den Tourismus besonders hart. Denn das Freizügigkeitsabkommen ist für unsere Branchen grundlegend», sagt Philipp Niederberger, Direktor des Schweizer Tourismus-Verbands.

Steigende Preise und sinkende Qualität

Damit spricht er auf den Anteil ausländischer Fachkräfte in den Branchen an. In der Hotellerie und Gastronomie stammen über 30 Prozent der Arbeitskräfte aus dem EU und dem EFTA-Raum. Beat Imhof, Präsident von GastroSuisse, zeigt in der Diskussion auf, was ein Wegfall dieser Arbeitskräfte bedeuten würde: «Zwei von drei Betrieben beschäftigen Personen aus der EU. Fällt diese Rekrutierungsbasis weg, verschärft sich der Fachkräftemangel weiter.» Betriebe müssten Angebote reduzieren, Öffnungszeiten einschränken oder Leistungen abbauen. «Damit würden wir steigende Preise, weniger Gäste und schlussendlich auch Betriebsschliessungen in Kauf nehmen müssen», so Imhof weiter. Der Wettbewerb innerhalb der Branche würde noch intensiver, was insbesondere kleinere Betriebe hart treffen würde.

Gleiches fürchtet Martin von Moos, Präsident von HotellerieSuisse. «Diese Initiative ist ein Wolf im Schafspelz - und brandgefährlich», warnt er. Der Hotelier zieht Parallelen zur überwundenen Corona-Pandemie. «Die Krise hat es gezeigt: Mit weniger Fachkräften steigen die Preise, und die Qualität in den Betrieben leidet. Die hohen Preise liessen sich bei schlechterer Qualität nicht rechtfertigen. Die Folge: Weniger Gäste, weniger Einnahmen und damit Existenzgefahr für viele, vor allem kleine Betriebe.»

Weiter sieht von Moos Investitionen in der Branche in Gefahr. «Die Initiative schafft mit ihrem Begrenzungsbegehren Planungsunsicherheiten bei den Betrieben, insbesondere bei solchen mit starkem Saisongeschäft.» Diese Unsicherheit hemmten Investitionen für die Zukunft, wodurch die Betriebe nicht konkurrenzfähig bleiben. Da nützten auch die von den Initiantinnen und Initianten angepriesenen Kontingente von 40 000 ausländischen Arbeitskräften nichts. «Da diese Kontingente für alle Branchen, nicht nur für die Gastronomie oder die Hotellerie gelten sollen, wird der Wettbewerb um Fachkräfte angeheizt. Das treibt nicht nur die Preise nach oben, sondern raubt den Betrieben auch die Flexibilität, die gerade bei Saisonbetrieben zentral ist.»

Abschreckende Wirkung für Gäste

Deswegen wären gerade in tourismusabhängigen Regionen die Auswirkungen spürbar. Doch auch in Städten wie Basel würden Engpässe rasch sichtbar, wie Letizia Elia, Direktorin von Basel Tourismus, ausführte: «Hier in Basel leben wir von einer guten internationalen Zusammenarbeit. Wir beschäftigen auch viele Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Deutschland und Frankreich. Ohne sie würde der Städtetourismus leiden.»

Gleichzeitig hätte die Annahme der Initiative eine negative Auswirkung auf die Positionierung der Schweiz als Tourismusland, betont Frédéric Füssenich, CEO der Rigi Bahnen. «Die Schweiz wird als Land im Schengenraum heute als offenes, willkommenes Land wahrgenomen. Sie profitiert davon, dass Touristinnen und Touristen ohne Visa in die Schweiz einreisen dürfen. Fällt das Privileg mit der Annahme der Initiative weg, schreckt das Gäste davon ab, in die Schweiz zu reisen, insbesondere internationale Gäste, die die Schweiz oft als Station auf einer Europareise besuchen.»

Füssenich zieht Parallelen zum Brexit in Grossbritannien. Dort müssen Schweizerinnen und Schweizer seit April 2025 einen ETA-Antrag stellen, um ins Land zu reisen. Mit der Annahme der Initiative drohe der Schweiz auch ein solches Szenario. «Dann wäre die Schweiz nicht nur teuer, sondern für Touristen obendrein auch noch umständlich», so Füssenich.

Politik ist gefordert

Trotz der klaren Ablehnung der Initiative anerkennt die Tourismusbranche die Notwendigkeit der Diskussion des Themas. «Das Anliegen ist in der Bevölkerung spürbar, allerdings bietet die Initiative die falschen Lösungen!» sagt Beat Imhof. Der Gastropräsident sieht diese in der Integration von Personen im Asylwesen. «Die Gastronomie ist ein Integrationsmotor. Wir bieten heute schon in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) geflüchteten Personen eine Chance mit der Aussicht auf eine Berufslehre in der Gastronomie. Wir müssen diesen Menschen die Möglichkeit geben, sich zu integrieren». Dass dies funktioniert, zeigten Projekte wie GastroGo! oder Progresso.

Gleichzeitig sieht das gesamte Podium die Lösungen für die Anliegen der Initiantinnen und Initianten an anderer Stelle. «Es müssen konkrete Massnahmen für Wohnungsnot und Immobilienpreise gefunden und gleichzeitig mehr in die Infrastruktur investiert werden», sagt Rigi Bahn-CEO Fréderic Füssenich. Dies zu lösen, sei Aufgabe der Politik.