Fabienne Ballmer Gerber

Fabienne Ballmer

Der schöne Tisch

Alle wollen ihn, den schönen Tisch. Doch, gibt's den überhaupt?

Samstag, 17.30 Uhr. In der Küche herrscht dieses konzentrierte Chaos, das nur 
Gastronom:innen kennen: jemand sucht verzweifelt das grobe Salz, jemand anderes 
diskutiert mit einer Pfanne über Machtverhältnisse, und im Service werden Gläser 
poliert, als käme gleich ein Staatsbesuch. Wenn der Samstag nicht ausgebucht ist, 
beginnt das grosse Grübeln. Ein leiser Zweifel schleicht durch den Gastraum wie ein 
schlecht gelaunter Stammgast: «Warum heute nicht voll? War letzte Woche die Sauce 
zu ehrlich?»

Dann klingelt das Telefon. Hoffnung.
«Ja, guten Abend, Meier hier. Wir würden gern noch einen Tisch reservieren.»

Man rechnet im Kopf. Dreht gedanklich Stühle, halbiert imaginäre Paare, schiebt Menschen näher zusammen, als sie es emotional je wollten.
«Ja, das geht noch», sagt man mutig.

Und dann, ganz am Ende, beiläufig, wie ein Nachsatz mit Sprengkraft:

„Aber gell – einen schönen Tisch.“

Der schöne Tisch.

Dieser sagenumwobene Ort.

Niemand weiss genau, wo er ist, aber alle wollen ihn.

Was ist eigentlich ein schöner Tisch? Am Fenster? Aber bitte ohne Durchzug, ohne 
Sonne im Gesicht, aber doch etwas Sonne ohne direkte Sicht von den Gästen die das 
Restaurant betreten, und sehen welchen Wein ich trinke. Ruhig, aber nicht tot. Zentral, 
aber intim. Grosszügig, aber doch noch ein Hauch romantik. Und bitte nicht in der Nähe 
der Toilette – obwohl man sie natürlich «gut erreichen» können sollte.

Der schöne Tisch ist immer genau der eine, den gerade jemand anderer hat.
In besonders ehrlichen Momenten träumt man davon, einfach einen Tisch direkt vor die 
Toilette zu stellen. Mit bestem Leinen, Kerzen, vielleicht sogar frischen Blumen. 

Daneben ein kleines Schild:
«Der wüste Tisch»

Für alle, denen es nie schön genug ist

Denn seien wir ehrlich: Für manche ist alles eine Wüste, was nicht exakt ihren 
Vorstellungen entspricht. Neben anderen Gästen? Wüste. Zu nah an der Bar? Wüste. Zu 
weit weg vom Service? Ebenfalls Wüste. Die Wüste ist überall – ausser am schönen 
Tisch. Und der ist, Überraschung, leider schon vergeben. Immer.

Natürlich nickt man am Telefon verständnisvoll.
«Wir schauen, was wir machen können.»

Was man meint: Wir schauen, ob Sie mit der Realität klarkommen.

Und dann kommen sie. Punkt 19.03 Uhr. Schauen sich um. Der Blick wandert. Links, 
rechts.. Ein leichtes Zögern.

«Ist das… unser Tisch?»

Nein.
Das ist «Ihr Tisch».

Schön wird er erst, wenn Sie sich setzen, aufhören zu vergleichen, ein Glas Wein 
bestellen – und akzeptieren, dass es irgendwo immer einen besseren geben könnte.

Bis dahin bleibt er ein Mythos.

Der schöne Tisch.

Und ganz hinten, beim WC, wartet geduldig:

DER WÜSTE