Bereits die erste Tuchfühlung mit dem Six Senses Resort oberhalb von Crans-Montana VS sorgt für eine exklusive Begegnung: Die Gäste fahren wie in einem James-Bond-Film in einen in den Berg gebauten Tunnel, wo sie von einem Concierge begrüsst werden. Zum Ritual der Anreisenden gehört, eine der sechs aufgehängten Kuhglocken – jede steht symbolisch für einen der sechs Sinne – auszuwählen und mit dem Klöppel ans Eisen zu schlagen. So soll die persönliche Reise zur inneren Balance starten – ohne Hektik, mit einem Moment der Stille.
Das Check-in erfolgt fünf Stockwerke höher, mit Sicht auf das Aussenschwimmbad. Ansonsten dominiert die Moderne im 2023 eröffneten Haus: Die Gäste kommunizieren über die Hotel-App und können im Vorfeld «In-Room Ordering» oder «Experiences» wie Yoga, Pilates, «Beautiful Bees» oder «Local Wine Tasting» buchen. Der WC-Sitz in den Zimmern ist geheizt, die Toilette mit smarter Technologie ausgestattet.
Aussergewöhnlich ist, dass das aus Bangkok gesteuerte Six Senses Wellness sich nicht nur aufs Spa beschränkt, sondern in den gesamten Aufenthalt integriert ist. Mit den Programmen «Eat with Six Senses», «Sleep with Six Senses» und für Kinder «Grow with Six Senses» wird ein gesamtheitliches Wellness-Erlebnis geboten. Das Six Senses ist zudem einzigartig, weil sich das zur InterContinental-Hotelgruppe gehörende Resort als einziges nicht an einem Strand, sondern in den Schweizer Alpen befindet. Noch etwas ist auffallend: Für 78 Zimmer stehen 160 Mitarbeitende auf der Lohnliste. Im Winter sind es sogar rund 200!
Der dritte Hoteldirektor seit 2023
Starhotelier Jean-Yves Blatt (60) aus dem Waadtland zeichnet seit Februar 2025 als bereits dritter Hoteldirektor in der erst gut zwei Jahre alten Geschichte des Hauses verantwortlich. Der EHL-Absolvent hat sich in der Branche einen ausgezeichneten Ruf durch seine Zeit im Lausanne Palace, im Park Hotel Gstaad, im Chedi Andermatt und zuletzt als Direktor des Villars Alpine Resort erarbeitet. In Villars gelang ihm das Kunststück, den Betrieb innerhalb eines halben Jahres den Swiss Deluxe Hotels und den Leading Hotels Of The World zuzuführen.
Drei Jahre zur Positionierung
Im Gespräch mit dem GastroJournal räumt er ein: «Ich habe noch nie für eine Hotelgruppe gearbeitet. Es braucht rund drei Jahre, bis sich ein Haus vollständig positioniert.» Sein Fokus liegt auf dem Qualitätsmanagement. Die Ora Bar wird bis Dezember 2025 in eine lebendige Hotelbar mit kuratierten Musikmomenten und Gast-DJs verwandelt. Das bisherige Bibliothekszimmer erhält so eine neue Funktion. Kulinarisch steht die Wiedereröffnung eines japanischen Gourmetrestaurants bevor – der Vertrag mit einem bekannten japanischen Küchenchef befinde sich in finaler Abstimmung. Was ihm vorschwebt: eine gehobene japanische Küche.
Schon kurz nach seinem Start erkannte der General Manager das Potenzial des Hauptrestaurants Wild Cabin, wo sich auch ein riesiges Frühstücksbuffet mit morgens so ungewöhnlichen Speisen wie Salaten, Brokkoli, Hummus oder Kimchi ausbreitet. Es habe keinen roten Faden gehabt: Da sei Entrecote neben Pizza und Pasta angeboten worden. Blatt betont: «Ich will lokale Produkte mit einem Sharing-Konzept.» GaultMillau bewertet das Restaurant im Fünfsternehaus mit 14 Punkten. Blatt erwartet im Herbst 15 Punkte und im neuen japanischen Gourmetrestaurant sogar 16 Punkte. Das Byakko soll sich als Vorzeigerestaurant im Six Senses positionieren. Blatt weiss, wovon er spricht: Er ist gelernter Koch. «Kulinarik ist bei uns nicht Beiwerk, sondern Essenz.»
Was macht das Six Senses einzigartig? «Unsere Pfeiler sind Wellness und Nachhaltigkeit. Es gibt nicht viele Hotelgruppen, die sich derart auf Wellbeing fokussieren.» Damit meint er auch die Ernährung. So gibt es zum Frühstück «Signature Juices» (Englisch ist allgegenwärtig): Hinter dem «Flu Fighter» stecken Zitrone, Ingwer und Olivenöl, verfeinert mit Rosmarin, hinter «Morning Boost» Grapefruit, Kurkuma und Birnen. Der «Morning Smoothie» besteht aus Mandelmilch, Bananen, Erdnussbutter und Kakao.
Mehr Deutschschweizer angestrebt
Das doch eher exotische Angebot passt zu den internationalen Gästen: Im Sommer würden viele Gäste aus dem Mittleren Osten anreisen sowie aus Frankreich, Deutschland und vor allem aus der Schweiz. «Aber im Winter sind es nur 28 Prozent Schweizer. Wir sind in der Deutschschweiz zu wenig bekannt», bemängelt der Waadtländer. «Die Besitzer wollen ein Hotel, das ganzjährig geöffnet ist. Von April bis Mitte Juni und im Oktober/November haben wir wenig Geschäft. Dafür ist unser Haus ab dem 21. Juli drei Wochen ausgebucht», sagt der Romand weiter.
Einer seiner ersten Amtshandlungen war, Emiliano Vignoni (40) als Executive Chef zu inthronisieren. Der Argentinier startete seine Karriere in renommierten Restaurants in Spanien wie dem El Bulli oder als Souschef im Mugaritz in San Sebastián. Zuletzt arbeitete er in der gleichen Funktion im W Hotel Verbier. Im Six Senses leitet er ein Team von 30 Personen inklusive Spüler, im Winter sind es 40. Dieses Team ist für die gesamte Kulinarik verantwortlich: von der Ora Bar über den Poolbereich bis zum Wild Cabin und den Eventflächen.
Die beste Pouletbrust der Welt
Die Auswahl auf der Speisekarte ist klein, aber fein. So gibt es einen sommerlichen Tomatensalat, Ravioli, mit Sérac-Molkenkäse gefüllt, und zum Hauptgang Spaghetti mit Shrimps und Kirschtomaten oder eine butterzarte Pouletbrust mit Shiitake an einer Mais-Anis-Sauce. Das Geheimnis dieses Gerichts: Vignoni legt das Huhn zwei Stunden in eine Marinade aus Zucker, Salz und Anis und gart es nachher schonend bei 69 Grad im Steamer. «Inzwischen habe ich in der Küche Standards implementiert, damit jedes Gericht gleich aussieht und schmeckt», sagt Vignoni, der das Organisieren vor allem im Mugaritz gelernt hat, die Kreativität im El Bulli, wo er mit 50 Köchen zusammenarbeitete.
Für ihn liegt der Schlüssel in der Saisonalität und Regionalität. Er arbeitet, wo möglich, mit lokalen Produzenten zusammen, etwa für den Alpenzander aus dem Wallis, die Spargeln aus Saxon, den Lachs hingegen aus Lostallo GR. Die meisten Früchte und Gemüse haben ihr Terroir wie die Milchprodukte ebenfalls in der Region. «Sie sehen mich am Pass und in der Küche. Das ist mein Stil als Chef. Wir funktionieren nur als Team», erklärt der Argentinier aus Buenos Aires, der die Natur und die Berge mag. Seine Frau, gebürtige Griechin, leitet die Patisserie. Privat erkundet die Familie mit Tochter Amaia die Berge auf dem Velo. Vignonis Ziel: «Ich möchte den Ruf unseres Wild Cabin weiter stärken. Ich bin glücklich, mit Jean-Yves Blatt einen Chef mit einer klaren Strategie zu haben.»