«Wir wollen bis 2030 die ­Grundbildung weiterdenken»

Reto E. Wild – 21. August 2026
Seit Mitte Januar 2023 arbeitet Sabrina Camenzind als Direktorin bei der Hotel & Gastro formation Schweiz (HGf). Diese Organisation feiert den 100. Geburtstag. Ein Interview über Herausforderungen und die Zukunft.

Sabrina Camenzind, die HGf feiert ihren 100. Geburtstag. Gib es Grund zum Feiern?
Sabrina Camienzind: Ja, wir feiern eine Organisation, die die Berufsbildung in unserer Branche seit 100 Jahren pflegt und weiterentwickelt. Gemeinsam mit unseren Trägerverbänden sorgen wir jährlich für rund 3000 neue Berufsleute.

 

Wie feiert Ihr?
Mitte September mit Freunden, Wegbegleitern und Partnern. Zum Beispiel hat Max Züst die HGf in Weggis LU 20 Jahre geführt. Heinz Berger hat die Berufsgestaltung und die internationalen Fachkurse massgeblich geprägt. Wir wollen aber nicht nur zurückschauen. Uns sind die Gegenwart und die Zukunft sehr wichtig. 

 

Was sind die aktuellen Herausforderungen?
Selbstverständlich leiden auch wir darunter, dass die Berufe der Dienstleistung an Attraktivität verlieren. Wir sind eine Branche, die ein Erlebnis in der Gegenwart kreiert. Das lässt sich definitiv nicht komplett digitalisieren. Es stellt sich die Frage, wie wir unsere Berufe fit machen müssen. Das ist eine zentrale Herausforderung.

 

Weshalb wurde HGf Schweiz vor 100 Jahren als «Schweizerische Fachkommission für das Gastgewerbe» ins Leben gerufen?
Ziel war es bereits damals, die Berufsbildung gemeinsam zu koordinieren, da unsere Berufsleute sowohl in der Gastronomie als auch in der Hotellerie tätig sind. Über Jahrzehnte wurden Lernende in sogenannten Blockkurse in der Nebensaison ausgebildet. Die HGf war dadurch geprägt, diese Bildungsleistung für die ganze Schweiz zu erbringen, vom Münstertal bis ins Wallis. Heute besteht unsere Aufgabe darin, die Ausbildung national zu koordinieren – im Auftrag der Branche, wobei sowohl Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerorganisationen gemeinsam im Boot sind.

 

Ihr seid in so vielen Bereichen und Regionen tätig, von der Gastronomie über die Hotellerie und das Management bis hin zum Brancheneinstieg.
Das stimmt. Wir stehen vor der Frage, wie die Branche mehr Menschen begeistern und sie langfristig in der Branche halten kann. Sie hat zudem niederschwellige Einstiegsmöglichkeiten für Menschen, die keinen klassischen Bildungsweg absolviert haben. Ein zentrales, neues Angebot, welches in Zusammenarbeit mit Bund und Kantonen erarbeitet wird, ist das Qualifikationsprogramm Hotel Gastro 365. Ziel ist eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund, Quereinsteigeigenden oder Erwerbslosen. Zwei Pilotkurse starten aktuell in Basel und Luzern.

 

Und Progresso?
Progresso (subventionierte Ausbildung für ungelernte Mitarbeitende im Gastgewerbe, Anmerkung der Redaktion) bleibt unser zentrales Angebot für Basisbildung und ist ein national von der Branche anerkanntes Zertifikat.

 

Die bestehenden Angebote wie Riesco oder Perfecto Kurse bleiben trotzdem bestehen?
Die Schweiz ist föderalistisch organisiert: Wir können den Kantonen Vorschläge unterbreiten, aber sie entscheiden, welches Angebot sie nutzen wollen. Deshalb müssen in unserer Angebotsgestaltung offen und flexibel bleiben. Wir können den Mangel an Fachkräften nicht nur beklagen. Wir müssen auch neue Wege zur Gewinnung von Nachwuchs ausprobieren.

 

Welche Rolle spielen dabei die Trägerverbände GastroSuisse, HotellerieSuisse und die Hotel & Gastro Union?
Die drei Verbände geben HotelGastro365 die strategische und branchenpolitische Rückendeckung, schaffen Akzeptanz bei den Arbeitgebern und tragen dazu bei, dass aus einem Integrationsprogramm eine schweizweit anerkannte Branchenlösung wird.

 

Kommen wir zur beruflichen Grundausbildung: Wie wichtig ist heute Hotel Gastro Tourismus?
Es handelt sich hierbei um eine kaufmännische Lehre mit Schwerpunkt Hotellerie, Gastronomie und Tourismus. Sie ergänzt das Portfolio der Bildung in der Hotellerie und Gastronomie und bietet gleichzeitig den Vorteil einer bekannten und breit akzeptierten Grundbildung. Rund 120 Absolventinnen und Absolventen schliessen die KV-Lehre im Bereich Hotel-Gastro-Tourismus ab.

 

Was sind die nächsten Pläne der HGf?
Zwei sehr konkrete: Mit dem Projekt «Gastgewerbliche Berufsbildung 2030» wollen wir die Grundbildung gemeinsam weiterdenken und fit für die Zukunft machen. Dabei geht es um Berufsbilder, Erwartungen und die Frage, was die Branche künftig wirklich braucht. Kurz: Wir befinden uns in einer umfassenden Überprüfung unserer Berufsbildungswelt. Wir haben momentan zu viele verschiedene Berufe und sind zu wenig fokussiert.

 

Und zweitens?
Die höhere Berufsbildung hat zwar einen enormen Wert erfahren, aber nach über zehn Jahren ist es Zeit, unsere Berufsprüfungen und höheren Fachprüfungen zu revidieren. Die Nutzung von Synergien, Entwicklung einer gemeinsamen Sprache und Stärkung der Modularisierung stehen dabei im Zentrum. Wichtig ist, in dieser vielfältigen Branche einen gemeinsamen Nenner zu finden.