Beat Imhof, der Vorstand von GastroSuisse hat eine Zukunftsstrategie für Bereiche wie Beherbergung, Berufsbildung, Finanzen oder Kommunikation verabschiedet. Diese ist ab sofort bis 2029 gültig. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichsten Schritte?
Beat Imhof: Entscheidend ist, dass der Vorstand und die Geschäftsleitung gemeinsam klar definiert haben, in welche Richtung wir uns weiterentwickeln.
Wohin geht die Reise?
Wir sind ein grosser Verband mit einer neuen Zusammensetzung im Vorstand. Unser gemeinsames Ziel ist, dass wir in jedem dieser Bereiche bewusst den Mitgliedernutzen in den Vordergrund stellen. Wir wollen das Ansehen der Branche verbessern und damit langfristig den Fachkräftemangel bedeutend reduzieren. Zudem ist es unsere Aufgabe, die Rahmenbedingungen für die Betriebe positiv zu beeinflussen.
Der Arbeitskräftemangel begleitet die Branche seit Jahren als eine der grössten Herausforderungen. GastroSuisse will die Bildungslandschaft der Schweiz aktiv mitgestalten.
Aktuell wissen wir, dass rund 90 Prozent der Mitglieder alle Stellen besetzt haben. Das ist positiv. Die demografische Entwicklung zeigt aber, dass sich dies in der Zukunft wieder akzentuieren wird. Bildung ist sehr wichtig, breit und komplex. Wir haben von der Grundausbildung mit der Lehre über die Hotelfachschulen, die Unternehmerausbildung bis zum Coaching einzelner Betriebe verschiedenste Disziplinen. Hier müssen wir weiterhin sehr viel investieren. Da sind auch die anderen Branchenverbände gefordert. Und wir wollen attraktiv sein, digitaler werden und uns fragen, was die Zukunft der Bildung ist.
Wie wollen Sie junge Menschen für die Branche gewinnen?
Dazu müssen wir Eltern, Lehrpersonen und Berufsberater überzeugen, dass unsere Berufe zukunftsfähig sind. Die Argumente sind auf unserer Seite. Das sind nicht nur Berufe. Das sind Lebensaufgaben. Ein Koch kann sich selbst verwirklichen und seine Gäste glücklich machen. Zu den grossen Problemen gehört aber, dass Kinder in Haushalten aufwachsen, wo niemand mehr kocht. Mehr Koch-unterricht würde der Grundausbildung in unserem Schulsystem guttun. Algebra und Frühenglisch sind wichtig, aber etwas am Leben vorbei.
Den Nachwuchs gewinnen ist das eine, ihn zu halten das andere.
Genau. Wie schaffen wir es, dass wir die Generation Z behalten können? Dazu braucht es gute Angebote wie «Roast & Host» der Zürcher Gastroausbildung. Auch die Zertifizierung als Top-Ausbildungsbetrieb hilft beiden Seiten sehr. Die jungen Menschen wollen fair behandelt werden, wollen Planbarkeit von Arbeits- und Freizeit und freuen sich, wenn sie in Entscheidungsprozesse stufengerecht eingebunden werden.
Wie sind Sie bei der Ausarbeitung der Gesamtstrategie vorgegangen?
Ich wollte von jedem Vorstandsmitglied wissen, was seine Ziele sind und weshalb sie oder er sich im Vorstand engagiert. Dann haben wir, Vorstand und Geschäftsleitung gemeinsam, jeden Geschäftsbereich analysiert und die Herausforderungen der Zukunft in Handlungsfelder umgewandelt. Nun werden auf dieser Basis die Jahresziele gesetzt. So können wir sicherstellen, dass wir strategisch arbeiten und keinen Papiertiger produziert haben.
Was heisst das im Klartext für die Mitglieder?
Wir sind transparent und setzen klare Ziele. Wir nehmen den Auftrag des Verbands wahr und zeigen auf, wo wir den Fokus legen. Letztlich sorgen wir für mehr Wirkung für die die Mitglieder. Was besonders wichtig ist: Wir sind nichts ohne Kantone. Jetzt können wir klar sagen, in welche Richtung wir weitergehen. Die Kantone haben nun eine saubere Grundlage. Das gibt uns die Chance, die Grösse von GastroSuisse in Kraft umzuwandeln.
Oft wird das Branchenimage thematisiert. Dazu wurde die Initiative «Avanti!» lanciert. Welche Rolle spielt diese Offensive in dieser Strategie?
Sie ist Teil des Ganzen. Die neue Strategie unterstützt die Nachwuchsförderung und das Ansehen der Branche stark. Das ist das Gefäss von Avanti. Auch hier: Wichtig ist es, Resultate zu erzielen.
Wer den Verband und die Zukunft in einem Atemzug nennt, denkt unweigerlich an die von Ihnen erwähnte Hotelfachschule Zürich. Ist hier eine Lösung in Sicht?
Um eine Neulancierung realisieren zu können, müssen wir internationalisieren. Dazu braucht es Betten in unmittelbarer Nähe der Schule. Wir haben drei bis vier Lösungsansätze, an denen wir arbeiten.
Wann kommt es zu einer Lösung?
Wir müssen nun bald zu einem Entscheid kommen, ob und wie es weiter geht. Ich verspreche: Da wird dieses Jahr noch einiges passieren. Aber die Herausforderung ist riesig.
Die Situation bei der Ecole Hôtelière de Genève (EHG) scheint komfortabler. Die EHG möchte nicht weniger als «das französischsprachige Flaggschiff in den Bereichen Hotellerie und Gastronomie sein». Wie gut ist die Schule unterwegs?
Sie ist sehr gut unterwegs und hat ihre Nische in der Hospitality-Ausbildung gefunden. Wir bilden Leute praxisnah und auf Französisch aus. Wir haben uns klar positioniert. Die EHG ist sehr innovativ unterwegs, und Susanne Welle und ihr Team machen einen sehr guten Job.
Gibt es Pläne, die Weiterbildungsmöglichkeiten in der Branche auszubauen?
Das Richtige zu machen ist wichtiger, als einfach noch mehr anzubieten. Wir haben beispielsweise mit Hotel & Gastro formation ein breites Gefäss für Aus- und Weiterbildung. Die Herausforderung: Wie vermitteln wir Bildung, dass sie gut ankommt? Digital , modular und stufengerecht für die Betriebe. Hier haben wir aktuell noch mehr Fragen als Antworten.
Im Papier zu Marketing und Kommunikation steht, dass GastroSuisse den Mitgliedern helfen soll, erfolgreich zu sein. Was kann der Verband für einen einzelnen Betrieb machen?
Wenn wir die richtigen Ausbildungsangebote anbieten oder wenn wir die politische Arbeit erfolgreich bewältigen, sorgen wir für die richtigen Rahmenbedingungen und helfen letztlich den Betrieben. Selbstverständlich können wir aber als Verband nicht einem einzelnen Betrieb helfen, dass sein individuelles Geschäft gut läuft. Aber wir sind ebenso im Bereich B2C aktiv und betonen, wie gesellschaftsrelevant unsere Branche ist.
Welche politischen Anliegen stehen derzeit zuoberst auf der Agenda?
Übergreifend lässt sich sagen: Immer wieder wird gefordert, den Sozialstaat auszubauen. Nur ist es unklar, wie sich das finanzieren lässt. Oft heisst es, es soll über zusätzliche Lohnbeiträge oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer gehen. Doch das ist fatal für unsere Branche mit derart kleinen Margen. Letztlich trifft eine solche Politik den Mittelstand. Das ist ebenso Gift für das liberale Erfolgsmodell Schweiz wie die ständig wachsenden Regulierungen.
Hier könnte eine Zusammenarbeit mit HotellerieSuisse dazu führen, in der Schweizer Politik noch mehr Einfluss zu nehmen.
Das stimmt. Als Verbände bewegen wir uns in derselben Branche. Das Ziel muss grösser sein als das eigene Ego. Wir sollten die Kräfte bündeln, wo es Sinn ergibt. So verstehe ich die Mitgliederwirkung.
In den meisten Strategiepapieren inklusive jenem über die EHG wird die Nachhaltigkeit erwähnt. Welche Nachhaltigkeitsziele verfolgt GastroSuisse?
Der Verband macht in diesem Bereich jetzt schon sehr viel. Wir müssen den Mitgliedern aufzeigen, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit oft zusammenhängt. Beispielsweise durch Verhinderung von Lebensmittelverschwendung oder weniger Tischwäschewaschen. Als Verband wollen wir zudem ein Vorbild beim Umgang mit den Ressourcen sein. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema und für die Betriebe eine Chance auf eine klare Positionierung. Wir wollen unseren Mitgliedern die Möglichkeiten aufzeigen.
Schauen wir etwas weniger weit in die Zukunft: Vom 15. bis 19. November findet in Basel das nächste Branchentreffen an der Igeho statt. Was ist dann von GastroSuisse zu erwarten?
Wir sind eine Gastgeberbranche und werden an der Igeho mit einer Bar Gastgeber sein, im Austausch mit den Mitgliedern. Wir wollen nahbar sein und den Kontakt zu den Menschen pflegen. Es gibt nichts Schöneres!
GastroSuisse scheint mit der aktuellen Strategie für die Zukunft gerüstet zu sein. Welche Rolle spielt Kareen Vaisbrot als neue Direktorin von GastroSuisse?
Die Geschäftsleitung ist für die Umsetzung der Strategie zuständig. Das ist sehr wichtig. Wir sind auf dem richtigen Weg, möchten aber Mitgestaltung. Kareen Vaisbrot hat sehr viel Erfahrung im Verbandswesen und in der Politik. Wir bringen über den Vorstand Branchenerfahrung ein. Wir sind ein super Team, um den Verband erfolgreich in die Zukunft zu führen.