«Wir richten uns stark auf den regionalen Gast aus»

Reto E. Wild – 20. August 2026
Vor gut einem Monat eröffnete an der Beatenbucht am Thunersee die Seelounge mit einem prominenten Zuzug: Norman Hunziker. Mit dem Marketing- und Gastroprofi möchte die Niederhornbahn AG das gastronomische Angebot verbessern.

Der türkisfarbige Thunersee, anlegende Schiffe, der Blick auf die Alpen und die Standseilbahn zum Beatenberg: In dieser malerischen Umgebung eröffnete am 22. Juli 2026 die Seelounge Thunersee. Das neue Mobiliar und das Design mit Fischaugen und Padel sowie viel Holz erinnern bewusst sowohl an den See auch als den Berg. Denn die Talstation der neuen Betreiberin der Seelounge mit gut 80 Terrassen- und Innenplätzen, die Niederhorn Gastro AG, befindet sich gleich um die Ecke. Von dort fährt die Standseilbahn innert zehn Minuten von der Beatenbucht nach Beatenberg, bevor es mit der Gruppenumlaufbahn auf das bekannte Niederhorn geht.

Gastronomie mit hohen Ansprüchen

Geschäftsführer der Niederhornbahn, die mit dem schönsten Panorama im Berner Oberland wirbt, ist seit neun Jahren Marc Höliner (53), der zuvor unter anderem bei der Kantonspolizei Bern, als Leiter Produktmanagement bei der PostAuto AG sowie als Leiter Reiseservice Fernverkehr bei den SBB arbeitete. «In den ersten acht Jahren lernte ich viel über die Bahn. Nun lerne ich im Bereich Gastronomie dazu», sagt der Berner.

Bis vor kurzem hat die Niederhornbahn den Gastronomiebereich verpachtet, will diesen nun aber selbst stemmen. «Wir sehen uns als Gesamtausflugsziel Niederhorn und wollen die gesamte Reisekette selbst betreiben und mit dem Gast das Erlebnis entwickeln. Bei einer Verpachtung wären wir auf das Wohlwollen eines Externen angewiesen», begründet Geschäftsführer Höliner den Schritt.

75 Prozent der Gäste auf dem Berg seien Stammgäste. «Deshalb ist es uns besonders wichtig, hochstehende Qualität mit schönen Erlebnissen zu bieten. Wir richten uns stark auf den regionalen Gast aus.» Gut 60 Prozent, so der Geschäftsführer, reisen aus dem Kanton Bern an, 25 Prozent aus der restlichen Schweiz; die ausländischen Gäste (hauptsächlich aus Deutschland, aus den Niederlanden, aber auch aus dem arabischen Raum) machen nur 15 Prozent aus.

Ein Profi in den eigenen Reihen

Im Rahmen einer Strategieüberarbeitung hat sich die Niederhornbahn gefragt: «Wir gehen gerne ins Restaurant. Aber verstehen wir auch etwas von Gastronomie? Wir müssen jemanden engagieren, der uns unterstützt», erzählt Höliner offen. Und so kam das Unternehmen auf Sarah Schwarzenbach (39) von Thomann Hospitality. Die Unternehmensberaterin und Konzeptentwicklerin hat sich mit der erfolgreichen Lancierung des Boutiquehotels Matthiol in Zermatt (von 2011 bis 2022) einen Namen gemacht. Heute wohnt Schwarzenbach in Gunten, fünf Kilometer von der Seelounge entfernt, und hat mit Höliner ein passendes Grobkonzept für die Gastronomie der Niederhornbahn entworfen.

Höliner und Schwarzenbach waren überzeugt, dass es für die Zukunftspläne einen Gastroprofi braucht. Sie schrieben die entsprechende Stelle auf der Plattform LinkedIn aus. Und ein gewisser Norman Hunziker (31), damals Marketing-Teamleiter bei Kadi, kommentierte: «Ein cleveres Geschäftsmodell». Höliner fragte nach, ob das nicht eine Aufgabe für Hunziker wäre. Es kam zu telefonischen Gesprächen, Vorstellungsgesprächen – und zur Anstellung bei der Niederhornbahn. Seit dem 10. Juni 2026 ist der einstige Teamchef der Schweizer Junioren-Kochnationalmannschaft Leiter Gastronomie und Hotellerie sowie Geschäftsleitungsmitglied der Niederhornbahn.

Die Vorgabe von Höliner hört sich grosszügig an: «Bei der Produktentwicklung müssen wir den Schweizer Gast in den Mittelpunkt stellen, ein cooles Produkt anbieten und nicht für einen Ertrag um jeden Preis sorgen.» Zur Seelounge stösst im Dezember 2026 die Gastronomie des Berghauses Niederhorn dazu. In der Seelounge verantwortet Hunziker rund sechs Angestellte, oben am Berg sind es zusätzlich 16. Gastroprofi Hunziker ist sich nicht zu schade, an der Front zu arbeiten – nebst der strategischen Führung der beiden Betriebe.

Das Berghaus Niederhorn wird jeweils von Mitte Dezember bis Mitte März und ab dem 1. Mai je nach Wetter bis Mitte November geöffnet sein. Die Hauptsaison reicht von Juli bis Anfang November. Höliner betont: «Wir sind ein Sommerausflugsgebiet, weil wir weniger als 2000 Meter über Meer sind. Die Skifahrer kommen eher zum Geniessen zu uns.»

Norman Hunziker1

«Es braucht ein Gesamtangebot»

Hunziker freut sich: «Ich bin sehr gut gestartet und wurde herzlich aufgenommen. Von Seilbahntechnik habe ich noch wenig Ahnung, was ich am zweiten Tag an einem GL-Meeting spürte. Als es dann aber um Einsatzpläne ging, konnte ich wieder mitreden.» Kürzlich erhielt er eine Gastroanfrage einer Firma, die mit einer Extrafahrt der Bahn vor Sonnenaufgang zu den Steinbockkolonien am Beatenberg fahren wollte. «Wenn man auf dem Berg sitzt, die Sonne tief steht und den Steinböcken beim Grasen zuschauen kann, ist das schon ein schönes Empfinden.» Mehr noch: Der passionierte Gleitschirmflieger kann nun mit seinem Gleitschirm von der Arbeit quasi zum neuen Zuhause in der Nähe von Thun fliegen.

Allerdings hat er dazu erst dreimal Zeit gehabt. Die Arbeit geht vor. «Mein Ziel ist es, die Vision der Niederhornbahn in Eigenregie aufzubauen. Es braucht ein Gesamtangebot am Berg. Es geht nicht darum, zu einem exklusiven Berghaus zu werden, sondern zum Beliebtesten. Wir wollen, dass die Gäste in Zukunft sagen, die Fahrt lohne sich nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch wegen des Gastroangebotes», antwortet Hunziker auf die Frage, was er mit den Betrieben erreichen will. Die Aussicht reicht vom Berner Oberland bis ins Wallis. Da der Beatenberg auf der Südseite liegt, scheint die Sonne den ganzen Tag.

Und die Aussicht auf das Essen soll ebenfalls überzeugen. «Wir werden kulinarisch die Welt nicht neu erfinden. Aber klassische Gerichte wie Älplermagronen kann man spezieller zubereiten, etwa mit Bergkräutern und -Baumnüssen», wird Hunziker konkret. Im Angebot werden zudem Salate, Suppen, Eintopfgerichte, Spätzli sowie weitere Schweizer Klassiker wie Capuns, Rösti oder Cordon bleu enthalten sein. Und es soll für Familien erschwinglich bleiben.

Regionale Produkte sorgen für Umsatz

Der Gastroprofi strebt in der Seelounge einen modernen Touch an, ohne die Regionalität zu vernachlässigen. Der Berufsfischer vom Thunersee liefert Felchen, welche in der Küche gebeizt werden, die Metzgerei Blaue Kuh in Matten bei Interlaken das Fleisch, die Molkerei Amstutz die Milchprodukte. Winzer Simon Eberle aus Oberhofen und die Rebbaugenossenschaft Hilterfingen sind weitere Lieferanten. «Unterschiedliche Tartelettes und Eclairs stellen wir täglich selbst her», betont Hunziker, dem mit dem Tschechen Michael Schebla, der vorher im Matthiol wirkte, ein weiterer Kochprofi zur Seite steht.

Besonders gut laufen in der Seelounge derzeit das Niederhornplättli mit Trockenwürsten und Käsespezialitäten und überraschenderweise das Thunerseeplättli mit gebeizten Felchen, Fischchüechli, geräucherte Lachsforelle aus Rubigen und Baumnussbrot. Die Kollegen haben nicht daran geglaubt, als Norman Hunziker dies vorgeschlagen hatte. Am meisten Umsatz generieren jedoch Getränke und Glaces, bei denen die Seelounge mit der Gelateria di Berna zusammenarbeitet. Inzwischen hätten auch schon mehrere Mitarbeiter von Kadi die Seelounge besucht, um sicherzustellen, dass auf dem Niedehorn die besten Pommes serviert werden.

Hunziker steht vor zahlreichen Herausforderungen und will mit dem Berghaus nicht einfach einen möblierten Betrieb übernehmen. «Wir wählen jedes Glas, jeden Stuhl, jede Lampe selbst aus. Wir haben dort oben einen Selbstbedienungsteil mit 230 Plätzen sowie einen bedienten Teil mit 110 Plätzen. Das ist eine schöne Aufgabe, aber auch arbeitsintensiv.» Bei Kadi habe er das Verständnis für Prozesse und Abläufe gelernt. Dieses Wissen könne er nun einsetzen. Sagts und wechselt die Badehose vom Morgenschwumm im See gegen die Arbeitskleidung und unterstützt das Serviceteam.