«Wir haben keinen Fachkräftemangel, aber ein Führungsdefizit»

Reto E. Wild – 30. September 2026
Der 26-jährige Tom Walter gehört zu den talentiertesten Jungköchen des Landes und verantwortet seit Juli 2025 als Chefkoch im Hotel The Mansard in Gstaad die gesamte Kulinarik. Was sind seine grössten Herausforderungen, was ist seine Handschrift? Und was rät er der Branche?

Tom Walter, was waren die grössten Herausforderungen beim Schritt vom Chef de Partie bei Tanja Grandits in Basel zum Head Chef im The Mansard in Gstaad?
Tom Walter: Ich fokussiere mich immer auf Chancen. Es gibt nichts, das unmöglich ist. Alles, was Herausforderungen betrifft, hat so gesehen Potenzial. Ich habe klare Vorstellungen und Inspirationen, wie ein Team zu führen ist und wie ich die Kultur etablieren möchte. Wenn Du in der Führung bist, musst Du Deine Werte kennen und diesen treu bleiben. Das ist nur dann möglich, wenn Du strukturiert arbeitest.

Wie organisierst Du Dich?
Für mein Studium bin ich zwei Tage in Zürich (siehe Kästchen, Anmerkung der Redaktion) und vier Tage in Gstaad. Wenn ich nun deswegen gestresst bin, färbt sich das auf das Team ab. Deswegen bin ich derjenige, der die Ruhe bringt und auch eine Prise Humor. Bei Tanja Grandits ging es in der Küche immer lustig zu und her, wir haben gelacht und trotzdem immer unsere Aufgaben erledigt. 

Wie verschaffst Du Dir als junger Chef den nötigen Respekt im Team? 
Wenn Du Dein Team nicht respektierst, wirst Du ihn nie erhalten. Mich müssen die neun Menschen im Team interessieren. Ich muss meine Leute kennen, mit ihnen reden und zuhören. Wenn ich das so umsetze, verschaffe ich mir automatisch Respekt. Mein Motto ist: «Leading by example». Alles, was ich verlange, muss ich vorleben.

Was ist Deine Handschrift im The Mansard Restaurant & Bar, das im Brasseriestil geführt wird.
In meiner Karriere habe ich schon sehr komplex und aufwändig gekocht. Ich nehme Elemente aus der Gourmetküche mit und bringe sie auf einen einfachen Nenner. Im Weg zur Einfachheit liegt die Zukunft. Wir haben in unseren Menüs viele Möglichkeiten zum Teilen, aber alles auf Qualität basierend. Auf Bewertungen, die nicht vom Gast kommen, lege ich keinen grossen Wert. 

Wie gehst Du vor?
Ich besuche den Markt und suche nach Topprodukten. Und ich kläre die Bedürfnisse unserer Kunden ab. Wir nehmen das Gästebedürfnis sehr ernst. Dabei ist es mir wichtig, das eigene Ego zurückzunehmen und andere Teammitglieder in den Vordergrund zu stellen. Ich bin kein Spezialist, sondern ein Generalist. Meine Aufgabe besteht darin, Spezialisten anzustellen, die Passion, Fähigkeit und Interesse haben. Wenn einer ein besseres Brot bäckt, stelle ich mich zurück. 

Stichwort Topprodukte: Hast Du den Kontakt mit lokalen Produzenten im Saanenland gesucht?
Das war das Erste, was ich hier gemacht habe. Wir arbeiten mit der Buure Metzg zusammen, mit der Molkerei Gstaad, bei der Gstaader Kühe für die besten Produkte sorgen. Fürs beste Produkt braucht es Frische, das bedeutet Lokalität. Bei einem Bauern kaufen wir Gemüse und Kräuter, seine Grosstante kennt das Geheimnis der besten Pilze. Ich tausche mich gerne mit den Produzenten aus. 

Wieso hat es auf den Etageren, die Ihr statt einem Buffet zum Frühstück anbietet, Ananas und keine Schweizer Beeren?
Das hängt mit der Nachfrage zusammen. Unsere internationalen Gäste erwarten Ananas. Unsere Grundphilosophie lautet «Swissness with a Twist». Das ist jetzt meine zweite Sommersaison. Nach der ersten habe ich dank den Kommentaren der Hotelgäste viel gelernt und analysiert, was die Kernnachfragen sind. 

Was waren die Erkenntnisse daraus?
Die Grösste: Komplexes reduzieren und auf etwas Einfaches herunterbrechen. Wir müssen mit unseren Gerichten verständlich sein, aber auch agil. Letzte Sommersaison starteten wir mit einem Frühstücksbuffet, was aber viel Lebensmittelverschwendung bedeutet. Deshalb bieten wir den Gästen nun drei verschiedene Etageren zum Frühstück an, mit Produkten, die wir sowieso schon im Haus haben. Das soll für Küche und Service möglichst unkompliziert sein, und der Gast erhält trotzdem ein flexibles Angebot. 

Wie schwierig ist es, im Berner Oberland ganzjährig auf stabile Lieferketten zu setzen?
Wichtig ist Redundanz, damit die Lieferketten immer agil bleiben. Wir haben für jedes Produkt eine Alternative für den Fall, dass es bei einem Produzenten nicht erhältlich ist. Und dann ist Einmachen bei uns ein Thema. Bei grossen Mengen greifen wir auf Transgourmet und Pistor.

Wie viel Tanja Grandits steckt heute in Deinen eigenen Kreationen?
Wenn man einen Ort verlässt, wäre es falsch, diesen zu kopieren. Aber klar, er beeinflusst mich. Die Zeit bei Tanja machte mir Mut, sich mit anderen Gewürzen und Geschmacksrichtungen zu befassen. Am meisten hat mich die Komponente der Führung imponiert. Tanja Grandits schafft es, ein Umfeld in der Küche zu kreieren, in dem sich jeder wohl fühlt. Ich hatte in den vier Jahren nur Positives mitgenommen. Sie hat das vorgelebt. 

Die Gastronomie kämpft mit steigenden Warenkosten. Dein Caesers Salad kostet mit Poulet 38 Franken. Welche Strategien nutzt Du in der Küche, um die Kosten einzuhalten, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen?
Genau diese Frage war der Grund für mein Studium. Ich habe festgestellt, dass es eine Lücke zwischen der Kostenkontrolle und strategischen Fragen gibt. Als Koch musst Du Verständnis für den Gewinn durch den Einkauf mitbringen. Ich habe meine Kalkulation selbst gebaut, mit einer Liste von Produkten. Diese ziehe ich in meine Software und errechne so, was das Essen kosten darf und wie viele Mitarbeiterstunden möglich sind. Da wir viele ausländischen Mitarbeitende haben, haben unsere Produkte Nummern statt Namen. Dem Spüler sage ich dann, dass ich beispielsweise drei Pakete von der Nummer zwei benötige. 

Strebt ein so erfolgreicher Koch wie Du nicht nach Höherem?
Die Wettbewerbe sind eine Blase. Ich war Teil davon und habe das auch genossen. Gusto oder der Goldene Koch haben mich weitergebracht. Nun aber habe ich mich bewusst von Wettbewerben verabschiedet. Der einzige Wettbewerb, der geblieben ist, ist mein eigener mit meinen Zielen. 

Was sind Deine nächsten Ziele?
Mein Know-how und meine Philosophien weiterzugeben. Und meine Lösungsansätze, die ich für die Branche habe. Meine Vision und mein Produkt möchte ich im The Mansard weiterentwickeln und bestätigen, was wir bereits erreicht haben. Der Erfolg zeigt sich erst nach zwei Saisons. 

Welche starren Strukturen und Traditionen müssen in den nächsten Jahren ändern, damit der Kochberuf für die nächste Generation attraktiv bleibt?
In der Schweiz gibt es ein Gärtlidenken, obwohl alle in der Branche die gleichen Probleme haben. Deshalb sollten wir zusammenspannen und grösser denken, Netzwerke und Lobby nutzen. Wir haben keinen Fachkräftemangel, aber ein Führungsdefizit. Die Zeit und der Arbeitsmarkt haben sich verändert. 

Was heisst das?
Wir müssen mit der Zeit gehen und vorausschauen, wenn wir in der Branche etwas verändern wollen. Die Branche ist so kreativ. In welcher Branche kann man mit 18 Jahren während der Lehre ins Ausland gehen? Wir aber fokussieren ständig aufs Negative wie zu lange Arbeitszeiten oder wie hart der Beruf ist. Wir müssen richtige Storys erzählen, die den genialen Nachwuchs begeistern werden. Dazu kommt, dass die Branche durch fachliche Fähigkeiten einem, mich inkludiert, die Möglichkeit gibt, rasch aufzusteigen. Die Fähigkeit, Menschen begeistern zu können und auch zu führen, kommt bei dieser Entwicklung manchmal zu kurz.

Zur Person: Tom Walter

Neben seiner Position als Chefkoch im Hotel The Mansard in Gstaad befindet sich Tom Walter (26) seit September 2023 in einem Studium  zum «Professional Bachelor in Business Administration» mit Schwerpunkt Finanzen und Controlling am Schweizerischen Institut für Betriebsökonomie (SIB). Seine Diplomarbeit unter dem Titel «Systems Engineering fürs Gastgewerbe» hat er inzwischen abgeschlossen, die Dokumentation eingereicht, und im Oktober kann er den Abschluss entgegennehmen. Mit diesem Modell  wird der Aargauer in der Lage sein, in Betriebe zu gehen und deren Schwachstellen aufgrund von Unternehmensdaten in umsetzbare Strategien und Konzepte zu übersetzen.  
Bereits als 20-Jähriger startete Tom Walter als Commis bei Tanja Grandits, wo er bis August 2024 arbeitete, zuletzt als Chef de Partie. Seit Oktober 2023 ist Tom Walter zusätzlich Berater in den Bereichen Organisationsentwicklung und Systemgestaltung. Das einstige Mitglied der Schweizer Junioren-Kochnationalmannshaft absolvierte von 2016 bis 2019 eine Kochlehre im Hotel Kettenbrücke in Aarau mit Bestnotenabschluss. Während dieser Zeit arbeitete er im Rahmen eines Austauschprogramms im Grand Hyatt Hongkong, war SwissSkills-Teilnehmer, Gusto