Tessiner Weine überzeugen

Reto E. Wild – 12. Juli 2026
Kürzlich stellte eine Wein- und Genussreise von Tanninreich in Baden AG das Tessin in den Fokus – mit überraschenden Einblicken: Das Weingut Stucky-Hügin bewegt sich wie Castello Luigi auf internationalem Topniveau. Mit dem Merlot hat der Tessiner Wein ein Alleinstellungsmerkmal.

Es gibt sie noch: die Boccalini, aus denen in den Tessiner Grotti regionaler Wein getrunken wird. Aber genau genommen ist dieses nostalgische Gefäss eine Beleidigung für die meisten Weine der Tessiner Winzer, die sich heute qualitativ auf einem hervorragenden Niveau befinden, just 120 Jahre nachdem die ersten Merlot-Rebstöcke in der viel zitierten Sonnenstube der Schweiz nach der Reb-lausplage gepflanzt wurden.

Weinrevolution dank Werner Stucky

Der eigentliche Pionier der 1980er-Jahre war dann der Deutschschweizer Werner Stucky, der in steilen Lagen neue Qualitätsmassstäbe setzte, den Weinbau revolutionierte und visionäre Deutschschweizer Zuzüger wie Christian Zündel, Adriano Kaufmann oder Daniel Huber nach sich zog. Heute heisst das Lebenswerk von Stucky Cantine Stucky-Hügin, denn es war Jürg Hügin (67) aus Oberwil BL, der nach seiner erfolgreichen Karriere in der Veranstaltungstechnik («Moon+Stars» in Locarno) seinen Lebensmittelpunkt ins Tessin verlegte und sich als Weinliebhaber und Quereinsteiger dem Rebbau widmete.

Sein Weingut befindet sich hoch über Gambarogno mit einer spektakulären Sicht auf den Lago Maggiore. In diesen Steillagen, die Handarbeit erfordert, produziert das Weingut Stucky-Hügin nach den Kriterien der Biodiversität, wo zwischen Reben und Trockensteinmauern allerlei Kräuter und Gras wachsen. Auf den Zukauf von Trauben verzichtet Hügin bewusst.

Er erzählt: «Früher war der Tessiner Merlot ein besseres Lebensmittel statt eines Eimers Wasser. Werner Stucky erkannte im Bordeaux, wie man im Tessin mit den gleichen Haupttraubensorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc arbeiten kann. Wir hatten die klare Vision, einen Cheval Blanc des Tessins zu produzieren. 2015 gelang uns dann erstmals ein spannender Jahrgang, für den wir 92 Parker-Punkte erhielten.»

Heute dehnt sich Stucky-Hügin auf 7 Hektaren aus und beschäftigt fünf Mitarbeitende – bei einer Jahresproduktion von durchschnittlich 25 000 Flaschen. In flachen Weinbaugebieten könne eine einzige Person mit einer Maschine rund 70 Hektaren bewirtschaften, vergleicht Jürg Hügin. «Doch unsere Hanglage ist spannender. Die Rebe ist dem Stress nach Sonne ausgesetzt und muss kämpfen. Das führt zu kleineren Beeren, die aber entsprechend aromatischer sind», erklärt der Winzer. «Die Topografie ist jedoch mit viel Arbeit verbunden. Bei unserer Betriebsgrösse bleibt nicht viel Geld übrig. Nur muss ich nicht reich werden und will schöne Weine machen», betont der Baselbieter. Früher hätten Weinhändler bei der Cantine Stucky-Hügin öfter 300 Flaschen gekauft, heute liege dieser Wert eher bei 120. Viele Händler würden seit der Coronazeit über volle Weinlager verfügen. Dafür nimmt der Verkauf über Privatkunden zu.

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Markus Utiger (links) und Piero Rovea auf der Terrasse des Castello Seeschloss Ascona (Foto: Reto E. Wild)

Fiano oder Yuva: Starke Innovation

Hügin muss sich mit seinem inhabergeführten Weingut im Sopraceneri weniger sorgen als andere Betriebe, denn seine Weine sind durchwegs qualitativ hochstehend – angefangen beim Weissen Sita mit der Traubensorte Fiano della Rocca (Hügin ist der einzige Schweizer Winzer, der auf Fiano aus Kampanien setzt). Eine weitere Spezialität ist der Temenos aus Completer und Sauvignon Blanc, von dem es wie vom Sita jährlich nur 2000 Flaschen gibt. Beim Yuva handelt es sich um eine weitere Innovation: einen frischen Sauvignon blanc und Merlot mit einer betörenden Nase von Holunder.

Grossartig präsentieren sich die Rotweine, etwa die Jahrgänge 2021 und 2022 vom Soma (70 Prozent Merlot und 30 Pro­zent Cabernet Franc, 18 Monate in neuen Barriques ausgebaut), vom Tracce di Sassi (reiner Merlot) und vom Conte die Luna (Merlot, Cabernet Sauvignon). Sie gehören alle zum Besten, was die Südschweiz zu bieten hat. Weinakademiker Markus Utiger, Geschäftsführer der Tanninreich GmbH, Mitinitiant der Weinreise ins Tessin und Gastroberater, sagt das so: «Die Weine von Stucky-Hügin begeistern mich immer wieder von Neuem. Aber so klar und tiefgründig, wie sie sich jetzt zeigen, waren sie noch nie.»

Szenenwechsel zu einem Abendessen im Castello Seeschloss Ascona, wo zu Alpenlachsforelle, Agnolotti, Wels sowie geschmorter Lammschulter mit Mönchsbart und Polenta von Terreni alla Maggia die Weine der Azienda Mondò kredenzt werden. Noch vor 30 Jahren wurde das Traubengut des heute rund 9 Hektaren grossen Winzerbetriebs an die Genossenschaft in Giubiasco verkauft.

Inzwischen steht Mondò für Innovation und schöne Weine, etwa aus der raren Sorte Bondola oder Piwi-Sorten wie dem Sauvignac, den es mit oder ohne Ausbau im Kastanienholz gibt. Der Ronco dei Ciliegi Riserva 2021 ist ein überraschend starker Vertreter des Merlot Ticino, mit einem Cabernet-Sauvignon-Anteil von gut 2 Prozent.

Botschafter von Mondò ist seit dem 1. September 2024 Piero Rovea. Der Branchenprofi leitete 15 Jahre den Verkauf beim Weingut Agriloro, arbeitete weitere 15 Jahre bei Delea und vorher bei so bekannten Häusern wie dem Palace Luzern, dem Seehof in Davos GR oder dem Beau-Rivage in Lausanne VD. «Nun will ich mit Mondò zeigen, wie gut die Produkte unserer Gegend sind», betont Rovea.

Der Gigant Vinattieri überzeugt

Vinattieri muss man eigentlich nicht mehr vorstellen. Die heute zur Transgourmet gehörende Kellerei entstand aus dem Wunsch des Weinhändlers und Winzers Luigi Zanini, aus den Trauben der Region elegante Merlot zu erzeugen. Er orientierte sich wie Stucky an den grossen Weinen aus Bordeaux. Die Rebfläche beträgt rund 100 Hektaren oder knapp 10 Prozent der Tessiner Weinproduktion.

Önologe Ramesh Oertli präsentiert der Gruppe von Tanninreich aus Baden Weine, die ebenfalls überzeugen – und sich für den Einsatz in der Gastronomie aufdrängen. Dazu gehört etwa der Merlot Ligornetto 2022 (eines der südlichsten Dörfer des Tessins), der mit jedem Jahr an Qualität zulegt. Beim 811, einem Wein für besondere Momente, handelt es sich um 80 Prozent Merlot, 10 Prozent Cabernet Franc und 10 Prozent Petit Verdot. Der 2021 ist erst der zweite Jahrgang, der produziert wurde. 

Belvedere als interessante Alternative

Luigi Zanini machte sich in der Nähe von Ligornetto mit dem Castello Luigi selbstständig und sorgt für grossartige Weine, die zu den besten des Landes gehören, etwa den Castello Luigi (ein Bordeaux-Verschnitt mit Merlot, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon). Das Flaggschiff kostet aber 169 Franken. Ein Tipp: Der Zweitwein nennt sich Belvedere del Castello Luigi. Dieser reine Merlot kostet 100 Franken weniger.

Wie steht es nun um die Chancen des Tessiner Weins in Zukunft? Markus Utiger sagt: «Wenn die Weinbranche zusammensteht und nicht gegeneinander arbeitet, haben die Tessiner Weine berechtigte Chancen. Denn mit dem Merlot verfügen sie über einen USP. Allerdings führt der Weg nur über die Qualität.» Preislich können die Tessiner im globalen Markt nicht mithalten. Bei Stucky-Hügin betragen beispielsweise allein die Warenkosten für eine Flasche (Glas, Barrique, Korken, Karton für den Transport) bereits 12 Franken – ohne einen Tropfen Wein!

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Die Kathedrale des Weinguts Vinattieri Ticino SA ausserhalb von Mendrisio: Die Merlots werden in Eichenfässern ausgebaut. Önologe Ramesh Oertli ist =zurecht stolz auf die zu Transgourmet gehörenden Weine.

Hat der Merlot eine Zukunft?

Doch hat der Merlot eine Zukunft im Tessin? «Ja», sagt Jürg Hügin. «Obschon mit mir nicht alle einig sind. Ich weiss von Winzern, die die Merlot-Rebstöcke ausreissen und Cabernet pflanzen. Das würde ich nicht machen, solange die Merlot-Reben gesund sind. Der Merlot ist eine super Traube, obschon sie eine Diva ist.»

Utiger erwähnt einen weiteren Pluspunkt im Rebbau der Südschweiz: «Das Tessin verfügt mit dem Sopraceneri nördlich des Monte Ceneri und dem Sottoceneri über zwei sehr unterschiedliche Regionen. Die Weine im Norden des Kantons bringen kristalline, geradlinige und tiefgründige Weine hervor. In der Gegend um Mendrisio ist es wärmer, sind die Böden fettiger, was für mehr Kraft, Wucht und Breite bei den Weinen sorgt. Für beide Weinstile gibt es einen Markt.»

Der Aargauer Weinakademiker, der Betriebe bei der Zusammenstellung der Weinkarte berät, sieht die Gastronomie in der Pflicht. Sie sei gefordert, in die Bildung zu investieren. «Wein ist ein Produkt, über das man so viel erzählen kann. Das wird viel zu wenig getan. Wenn wir das Personal ausbilden und dieses mehr Kompetenz hat, wird der Wein abseits der Stange und dem Aperol Spritz einen höheren Stellenwert erhalten.»

Weinhändler Stefano Bonomi von Canetti Vini in Losone sagt: «In den Fünfsternehotels des Tessins ist die Weinauswahl riesig. In den Restaurants ist es hingegen oft so, dass fast überall die gleichen Weine auf der Karte stehen: Delea, Brivio, Gialdi. Wir sollten generell Tessiner Produkte forcieren, auch Raritäten.» Er habe in Leukerbad und in Crans-Montana gearbeitet. Da bestehe die Weinkarte der Betriebe oft aus 150 Positionen aus dem Wallis. «Diese Strategie fehlt im Tessin. Offenweine sind oft je ein Weisser und ein Roter aus dem Tessin, der Rest aus Italien.»

Piero Rovea sieht das ähnlich: «Das Gastgewerbe wählt meist nur grosse Namen aus. Wir von der Azienda Mondò konzentrieren uns deshalb auf Privatkunden und Aktivitäten im Weinberg.»

Hauptsorte Merlot

Das Tessin mit Rebflächen von rund 1180 Hektaren (8 Prozent der Schweiz) ist das einzige Schweizer Weinbaugebiet auf der Alpensüdseite und verzeichnet ­ergiebige Niederschläge und viel Sonnenschein. Dieses Klima mit maritimen Einflüssen hat die Entwicklung der Rebsorte Merlot begünstigt. 76 Prozent der Tessiner Rebflächen sind mit Merlot bepflanzt, der den Rotweinen aus dem Bordeaux Konkurrenz machen kann. Die Rebsorte fühlt sich sowohl auf den steilen Terrassen des Sopraceneri im Norden des Kantons als auch in den sanft abfallenden Parzellen des Sottoceneri wohl. Knapp 100 Tessiner Winzer kultivieren 26 verschiedene Rebsorten, wobei Rotweine 89 Prozent stellen.