Gastronomie

«Obstbrände sind die unterschätzte Königsdisziplin»

Reto E. Wild – 05. August 2026
In Markdorf am Bodensee findet zum dritten Mal «Spirits» statt, das Festival rund um Destillate und Edelbrände. Der Ort ist kein Zufall, die Thematik im wahrsten Sinn des Wortes brandaktuell.

Umsätze gehen zurück

Das grosse Thema im Zeitalter des knapp 30-prozentigen Rückgangs des Schweizer Pro-Kopf-Konsums reinen Alkohols von 2001 auf 2024: Im Juli 2026 haben Andrea Koch und Andreas Franzl den Verband Feinstbrenner mit 14 Brennern und drei Botschaftern gegründet und wollen auf feinstbrenner.com die traditionelle und handwerkliche Brennereikunst fördern. Sie verpflichten sich, zu 100 Prozent natürliche Rohstoffe zu verwenden und verzichten auf künstliche Aromen, wie das schon Steidle macht. Reiner Obstbrand darf in der Schweiz weder aromatisiert noch gefärbt werden.

Das EU-Recht ist weniger streng und erlaubt für klassische Edelbrände maximal 10 Gramm Zucker pro Liter. Deshalb wurde Feinstbrenner gegründet. «Mit den Produkten von Feinstbrenner kriegt ihr Natur pur ohne Schönung, weder in der Maische noch im fertigen Destillat. Wir zeigen, was die Frucht, der Jahrgang und die Region in einem Glas ausmachen. Zucker kann das kaputt machen», betont Franzl. Und seine Berufskollegin Andrea Koch, die in vierter Generation brennt, ergänzt auf dem Podium: «Wir schliessen eine Lücke, bei der es um handwerkliche Destillate geht und hoffen, dass uns in zehn Jahren alle kennen. Obstbrände sind die unterschätzte Königsdisziplin.»

Patrick Braun, der einst als Barkeeper arbeitete, gibt zu bedenken: «Das immaterielle Kulturerbe ist eine Chance für die Obstbrenner, aber generell geht der Umsatz zurück. Obstbrände machen nur zwei Prozent am Weltmarkt aus. Der Konsument versteht nicht, was Feinstbrenner für ein Unterschied ist. Dazu müsst Ihr Aufklärungsarbeit leisten, ohne zu verteufeln!» Andrea Koch entgegnet, dass Feinstbrenner nicht verteufle, aber Transparenz schaffe. «Das wollen unsere Kunden.»

Es braucht Fachpersonal

Helfen könnte den Edeldestillaten, dass – wie bei den Weinen – eine Premisierung festzustellen ist, die Konsumenten also weniger, dafür qualitativ hochstehender geniessen. Nur, so Braun: «Die Branche braucht hochwertiges Personal, das in der Lage ist, die Produkte zu verstehen und weiss, was beispielsweise der Unterschied zwischen einem Brand und einem Geist ist und wie ein Destillat serviert wird.» Zur Erinnerung: Bei einem Edelbrand vergärt die Frucht selbst, bei einem Geist wird die Frucht in fremden Alkohol eingelegt. Brände könnten auch deshalb eine Marktchance haben, weil der Gin laut Braun tot ist. «Der Trend geht eher in niedrige Alkoholgeschichten wie Aperol Spritz.»

Fazit: Das Produkt im Glas kann noch so gut sein: Wenn das Fachpersonal in den Betrieben fehlt, verstehen die Gäste den Unterschied kaum.