In der Kleinstadt Markdorf im Bodenseekreis des deutschen Bundeslands Baden-Württemberg ist die Kleinbrennerkultur zuhause. Und hier befindet sich der Heilige Gral der Brennereitechnologie: die in der Szene für ihre Destillationsanlagen bekannte Firma Arnold Holstein. Mehr noch: Die handwerkliche Brennkunst ist letztes Jahr ins immaterielle Kulturerbe der Unesco aufgenommen worden.
Marketingprofi Roland Neubert, der bei der Organisation der dritten Auflage von «Spirits», dem Festival rund um Destillate und Edelbrände, mitwirkt, erklärt: «Die Brennkunst gehört zu unserer Region. In der Gastronomie heisst es immer, die Produkte müssen regional sein. Man sollte über den Tellerrand hinausgucken und bei Destillaten statt Whiskey aus Schottland unsere Edelbrände anbieten. Immerhin machen das schon viele Gastronomen.» Das Ziel der Veranstaltung: eine Plattform für die Brenner, die sich untereinander austauschen und zeigen, was sie alles können.
Zelebriertes Handwerk
«In der Bodenseeregion gibt es viele Weinfeste, aber keine Veranstaltungen, die sich dieser Handwerkskunst widmet», so Neubert. Sein Herz schlage für Kleinbetriebe wie jenen von Marco Steidle vom gleichnamigen Biolandhof in Obersiggingen zwischen Ravensburg und dem Bodensee. «Die Vielfalt an Produkten, die Lebensfreude vereinen, ist enorm. Die Produzenten brennen im wahrsten Sinn des Wortes für das, was sie tun», sagt der Mitorganisator der Veranstaltung.
Steidle arbeitet auf dem Hof und zu 70 Prozent für die Brennerei. «Wir brennen ohne künstliche Aromen, mit eigenen Früchten oder von Bauern aus der Nähe», sagt er. Das Angebot besteht aus insgesamt rund zwei Dutzend Produkten inklusive Liköre und fünf verschiedenen Apfelsortenbränden. Seit knapp einem Jahr arbeitet der Betrieb mit der Kabo Rösterei im deutschen Konstanz zusammen. So ist es zu einem Espressogeist gekommen. Steidles Tipp: «Die ideale Ausschanktemperatur liegt generell bei 16 bis 18 Grad.»
Rund 2000 Besucher degustieren in den zweieinhalb Festivaltagen vom 23. bis 25. Juli auch die Produkte von Steidle an seinem Stand – und verfolgen hochstehende Podiumsdiskussionen mit spannenden Teilnehmenden wie Mirco Bösch (Gastgeber und Spirituosensommelier bei der Mosterei Möhl AG), Brennerin Andrea Koch vom Destillerie-Familienbetrieb Brennlust, Patrick Braun vom Magazin Drinks sowie Andreas Franzl, dem Schnapsweltmeister in mehreren Kategorien von der Hofbrennerei Oberkorb in Bayern. Franzl ist auf ungewöhnliche Obstsorten wie Mispelbrand oder Waldholunder spezialisiert, hat aber bei einer Jahresproduktion von rund 1200 Flaschen auch Klassiker wie Zwetschge im Angebot. Moderiert wird die illustre Runde von Arthur Nägele, der zu den renommiertesten Spirituosenexperten im deutschsprachigen Raum zählt.
Umsätze gehen zurück
Das grosse Thema im Zeitalter des knapp 30-prozentigen Rückgangs des Schweizer Pro-Kopf-Konsums reinen Alkohols von 2001 auf 2024: Im Juli 2026 haben Andrea Koch und Andreas Franzl den Verband Feinstbrenner mit 14 Brennern und drei Botschaftern gegründet und wollen auf feinstbrenner.com die traditionelle und handwerkliche Brennereikunst fördern. Sie verpflichten sich, zu 100 Prozent natürliche Rohstoffe zu verwenden und verzichten auf künstliche Aromen, wie das schon Steidle macht. Reiner Obstbrand darf in der Schweiz weder aromatisiert noch gefärbt werden.
Das EU-Recht ist weniger streng und erlaubt für klassische Edelbrände maximal 10 Gramm Zucker pro Liter. Deshalb wurde Feinstbrenner gegründet. «Mit den Produkten von Feinstbrenner kriegt ihr Natur pur ohne Schönung, weder in der Maische noch im fertigen Destillat. Wir zeigen, was die Frucht, der Jahrgang und die Region in einem Glas ausmachen. Zucker kann das kaputt machen», betont Franzl. Und seine Berufskollegin Andrea Koch, die in vierter Generation brennt, ergänzt auf dem Podium: «Wir schliessen eine Lücke, bei der es um handwerkliche Destillate geht und hoffen, dass uns in zehn Jahren alle kennen. Obstbrände sind die unterschätzte Königsdisziplin.»
Patrick Braun, der einst als Barkeeper arbeitete, gibt zu bedenken: «Das immaterielle Kulturerbe ist eine Chance für die Obstbrenner, aber generell geht der Umsatz zurück. Obstbrände machen nur zwei Prozent am Weltmarkt aus. Der Konsument versteht nicht, was Feinstbrenner für ein Unterschied ist. Dazu müsst Ihr Aufklärungsarbeit leisten, ohne zu verteufeln!» Andrea Koch entgegnet, dass Feinstbrenner nicht verteufle, aber Transparenz schaffe. «Das wollen unsere Kunden.»
Es braucht Fachpersonal
Helfen könnte den Edeldestillaten, dass – wie bei den Weinen – eine Premisierung festzustellen ist, die Konsumenten also weniger, dafür qualitativ hochstehender geniessen. Nur, so Braun: «Die Branche braucht hochwertiges Personal, das in der Lage ist, die Produkte zu verstehen und weiss, was beispielsweise der Unterschied zwischen einem Brand und einem Geist ist und wie ein Destillat serviert wird.» Zur Erinnerung: Bei einem Edelbrand vergärt die Frucht selbst, bei einem Geist wird die Frucht in fremden Alkohol eingelegt. Brände könnten auch deshalb eine Marktchance haben, weil der Gin laut Braun tot ist. «Der Trend geht eher in niedrige Alkoholgeschichten wie Aperol Spritz.»
Fazit: Das Produkt im Glas kann noch so gut sein: Wenn das Fachpersonal in den Betrieben fehlt, verstehen die Gäste den Unterschied kaum.