Am 24. und 25. August versammelt sich im Kunsthaus Zürich die Szene der Schweizer Weine. Das «Swiss Wine Tasting» mit der Swiss Wine Connection als Veranstalter ist schweizweit der grösste Anlass rund um den Schweizer Wein.
Am ersten Tag glänzt die Petite Arvine Grain Noble Domaine des Claives 2015 der Starwinzerin Marie-Thérèse Chappaz aus Fully VS anlässlich des «Swiss Wine Vintage Award 2025» mit der Traumnote von 19,5 Punkten. Der Selvenen Malanser Pinot Noir 2015 vom Weingut Fromm aus Malans GR bringt es auf 18,5 Punkte – wie der DW Pinot noir Barrique Küsnacht 2015 vom Weingut Diederik aus Küsnacht ZH.
Ebenfalls 18,5 Punkte erreichen der Yvorne Grand Cru Château Maison Blanche 2015 vom Château Maison Blanche aus Yvorne VD sowie der Grand'Cour 2015 von Winzer Jean-Pierre Pellegrin der Domaine Grand'Cour aus Peissy-Satigny GE. Insgesamt erhalten 67 Schweizer Weine von der Fachjury unter Weinsensoriker Hans Bättig nach einer Blindverkostung 17,5 und mehr Punkte. Sie beweisen 10 Jahre nach der Ernte, wie lagerfähig Schweizer Weine sind.
In 18 Monaten zum Bankrott?
Doch unter den Westschweizer Winzern macht sich Katerstimmung breit. Philibert Frick von der Domaine A Villars (Pura) in Bougy-Villars VD schlägt Alarm: «In den nächsten sechs bis 18 Monaten werden ein Drittel der Westschweizer Winzer entweder bankrott gehen oder ihre Reben ausreissen. Der Absatz ist zusammengesackt, die Lager sind voll.» Das könne auch die Gastronomie in der Romandie in Bedrängnis bringen.
Gilles Meystre, der Vizepräsident von GastroSuisse und Präsident von GastroVaud, bestätigt: «Das Thema mit den Winzern beschäftigt mich schon seit langem. Die Situation ist besorgniserregend. Weingüter stehen zum Verkauf, und von den Jahrgängen 2023 und 2024 sind grosse Bestände unverkauft. Kommt dazu, dass der Konsum von Schweizer Wein abnimmt.» Als Botschafter des Terroirs dürfe unsere Branche nicht abseits stehen und müsse die Winzer unterstützen. «Denn wir sind Teil des gleichen Ökosystems.»
Wie das Gastgewerbe helfen kann
Das Gastgewerbe könne allein die Westschweizer Winzer nicht retten. Der Politik komme aber eine wichtige Rolle zu. «Und die Gastronomie als bedeutender Vertriebskanal trägt ihren Teil der Verantwortung und muss sich solidarisch zeigen.» Meystre schlägt beispielsweise vor, einen Schweizer Wein des Monats anzubieten statt einem Wein aus Italien oder Spanien. Oder halbe Flaschen, die Kunden motivieren können, ein zweite Flasche zu bestellen. Weine von Schweizer Winzern sorge für ein Storytelling. «Wenn Sie in Bordeaux oder im Elsass in ein Restaurant gehen, finden Sie kaum italienischen oder chilenischen Wein. Qualität, Nähe und Swissness: Das ist ein Gewinn für alle.»
Nicolas Joss, Direktor von Swiss Wine Promotion (SWP), ergänzt: «Es ist bedauerlich, dass die Distributoren zu viele Billigweine aus Europa verkaufen, zu oft dank EU-Subventionen, die den Markt verzerren. Eine Flasche zum Preis von fünf Franken ist nicht nachhaltig. Das ist weder ökologisch noch sozial, noch wirtschaftlich.» Er räumt aber auch ein: «Der Weinkonsum ist nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren. Die Gewohnheiten haben sich geändert. Wer organisiert heute noch einen Apéro am Mittag? Und am Abend wird das Glas Wein oft durch den Spritz ersetzt.»
In diesem Zusammenhang habe die SWP zusätzliche Promotionsmassnahmen mit dem Projekt der Schweizer Weinwochen bei 23 Händlern und Weingeschäften ergriffen, von denen 13 Promotionsaktionen für diesen Herbst geplant haben. Und für die Gastronomie habe die SWP das Label Swiss Wine Gourmet gestärkt, mit dem 1400 Betriebe in der Schweiz zertifiziert sind. Das Ziel sei es, Restaurateure und Hoteliers zu würdigen, die eine schöne Vielfalt an Schweizer Weinen anbieten. Schliesslich wird SWP ihre Herbstkampagne «Lokal und nachhaltig» ausrichten, um die Verbindung zwischen Konsumenten, Winzern und dem Produkt zu stärken.
Frick sagt, man müsse die Frage diskutieren, ob die Schweiz noch KMUs wolle. Und ebenso frage er sich, ob die Schweizer Bevölkerung bereit sei, eigene Produkte zu konsumieren. «Wir wollen nicht Landschaftsgärtner werden. Wir wollen zu fairen Konditionen überleben.» Frick verlangt im Namen der Westschweizer Winzer: «Unser Hauptanliegen ist, den Anteil von in unserem Land gekauften Schweizer Weinen prozentual zu ausländischen Weinen zu erhöhen – auf ein Minimum von 50 Prozent.»
Am 1. September um 18 Uhr lädt Frick zusammen mit Berufskollege Richard Pelissier aus Sion VS Bundesbehörden, Winzer und Medien zum Treffen «Les Raisins et la politique» nach Puidoux VD ein. «Ihre Anwesenheit ist entscheidend für den Dialog, für die Branche und für unsere Zukunft in der Schweizer Gesellschaft», appelliert Frick, der betont, dass der Weinbaukanton Tessin vor ähnlichen Problemen stehe wie die Romandie.
Die Deutschschweiz steht besser da
Das Problem in der Westschweiz, so Frick: Der Chasselas aus den Weinbaukantonen in der Romandie findet zu wenig Abnehmer. «Jene, die diesen Wein mögen, sind schon sehr alt und kaufen nur noch wenig. Und die Jungen kennen den Chasselas kaum. Wir Winzer müssen diversifizieren und andere Reben pflanzen. Doch dafür braucht es einen Atem von 10 bis 15 Jahren.» Auf seinem Weingut stimme der Absatz. Am meisten verkaufe er Malbec und Sauvignon Blanc und unterstreicht damit, wohin die Reise in Zukunft gehen kann.
In der Deutschschweiz sieht die Situation für die Winzer viel besser aus. Das hat mehrere Gründe: Erstens macht die Deutschschweizer Rebfläche nur 19 Prozent des Schweizer Rebbaus aus. Zweitens überzeugen mehrere Regionen wie die Bündner Herrschaft mit hochstehenden Pinot noirs, die selbst die Konkurrenz aus dem Burgund nicht scheuen müssen. Und drittens haben die Deutschweizer Winzer sich schon vor Jahren auf andere Rebsorten konzentriert, am Zürichsee beispielsweise mit Räuschling, der für ein Alleinstellungsmerkmal sorgt und auf nur 26 Hektaren angebaut wird, während die Rebfläche des Schweizer Chasselas sich auf rund 3500 Hektaren ausdehnt.
Und die Deutschschweizer Kantone passen sich laufend der Zeit an, sagt doch Armin Sütterlin von der Rebschule Meier in Würenlingen AG: «Vor allem die neuen Weinbaukantone wie jene in der Innerschweiz setzen auf Piwi-Rebsorten. Das hat auch mit den Vorgaben vom Bund zu tun, wonach der Pflanzenschutz reduziert werden muss.» Das Problem sei, dass in der Gastronomie kaum jemand etwas über die Neuzüchtungen weiss. «Wir sind bereit, speziell für Gastronomen Kurse zu veranstalten, denn selbst Sommeliers wissen nicht viel über Piwi-Reben.»
Was diese für schöne Weine hervorbringen können, beweist das Weingut Diederik aus Küsnacht ZH: Sein Projektskizze 2022 besteht zu 100 Prozent aus Souvignier Gris und ist so eine neugezüchtete Piwi-Sorte. Sie überzeugt mit Noten von tropischen Früchten.
Die Ernte 2025 startet in den nächsten Tagen
Doch was wird 2025 nun für ein Jahrgang? Sütterlin analysiert: «In den Kantonen Aargau, Schaffhausen und Thurgau wird es mengenmässig eine normale Ernte geben. Die Qualität dürfte gut bis sehr gut ausfallen. Die Säure ist noch hoch, was ich positiv beurteile.» Grund dafür: Es gab in den letzten Wochen kaum heisse Nächte.
Christoph Schmid vom Weingut Tobias im Rheintal sagt: «Wir hatten 2025 keine Probleme mit dem Frost. Die Triebe sind früh gestartet, danach profitierten wir vom anfangs warmen Sommer. Die Niederschläge von Mitte August sorgten dafür, dass einzelne Beeren aufplatzten. Doch wenn es nun in den nächsten Tagen nicht mehr stark regnet, wird das ein guter Jahrgang.» Allerdings könnte Starkregen im letzten Moment vor der Ernte das Fäulnisrisiko erhöhen. Schmid wird, wie die meisten Schweizer Winzer, in ein bis zwei Wochen mit der Ernte starten.
Sein Tobias Rouge G4 2015, eine Cuvée aus Zweigelt und Cabernet Sauvignon, erzielte beim «Swiss Wine Vintage Award 2015» 18 Punkte, sein reiner Zweigelt räumte bei der «Expovina Wine Trophy» ab. Der 1866 gegründete Familienbetrieb, den Schmid in der fünften Generation führt, hat schon früh mit anderen Rebsorten diversifiziert – im Gegensatz zu vielen Westschweizer Winzern.