«Jeder dritte Cocktail bei uns ist alkoholfrei»

Nicole Steffen – 04. Dezember 2025
Nach sieben Jahren sei der erste Hype in seinem Betrieb vorbei, erklärt Dirk Hany, Mitinhaber und Gastgeber in der Bar am Wasser in Zürich. Wie er trotz steigenden Personalkosten und weniger Alkoholkonsum seine Bar erfolgreich betreibt, erzählt er dem GastroJournal im Interview.

Ob mit oder ohne Alkohol: Alles wird teurer. Auch bei Ihnen?
Als wir angefangen haben, hat ein Glas Champagner rund 17 Franken gekostet, heute sind es 21 Franken. Ein Cocktail kostete rund 18 Franken, und heute sind es 21 Franken. Wir haben unsere Preise stetig, aber in kleinen Schritten den steigenden Personal- und Warenkosten angepasst. Jedoch besteht in der Barszene ein grosser Preisdruck. Niemand getraut sich so richtig, höhere Preise durchzusetzen. Ein Gin Tonic kostet bei uns mittlerweile gleich viel wie an der Langstrasse. 

 

Was passiert jetzt?
Wenn wir weiterhin erfolgreich wirtschaften wollen, dann müssen wir die Preise erhöhen und die Kosten senken. In den USA lässt sich mittlerweile kein Cocktail mehr unter 25 Dollar finden. Hier hat die Schweiz Nachholbedarf. Das bedeutet für mich auch, dass die Gäste die Bereitschaft haben müssen, mehr zu bezahlen. Dann kostet ein Kaffee nicht mehr 4.50 Franken, sondern 6 Franken. Und ein Cocktail kostet 22 statt nur 18 Franken. 

 

Wie kann ein Betrieb die Kosten senken? 
Wie bei den meisten Betrieben sind auch bei uns die Personal- und Warenaufwände die grössten Positionen. Die Personalkosten machen bei uns 40 bis 44 Prozent aus und die Warenkosten rund 30 Prozent. Für uns ist klar, dass wir vorne an der Front nicht einsparen wollen, deshalb setzen wir bei den Warenkosten an. Überlegungen wie «Braucht es einen Ultra Premium Vodka im Pouring oder reicht auch ein Premium Vodka?» oder «Muss es der Landrauchschinken auf der kalten Platte sein, der im Einkauf 70 Franken kostet, oder kann es auch eine günstigere Alternative sein?» sind notwendig.  Hier müssen wir sorgfältig abwägen, wo und wie wir Kosten einsparen können, ohne dabei das Gästeerlebnis zu schmälern. 

 

Was macht für Sie ein gutes Gästeerlebnis aus? 
Ein Gast muss sich bei uns zu Hause fühlen. Sich wohlfühlen und ein unvergessliches Erlebnis haben. Die Gastfreundschaft macht für mich 80 Prozent unseres Erfolges aus. Ohne ein zufriedenes, motiviertes und engagiertes Team geht es nicht. Und genau deshalb kann und will ich nicht bei den Personalkosten einsparen. Vielmehr investieren wir in diesem Bereich. 

 

Wie investieren Sie ins Personal?
Wir bezahlen faire Löhne, bieten attraktive Incentives, stellen Uniform und Schuhe zur Verfügung und verbringen auch abseits der Arbeit schöne Stunden zusammen. Sei es ein Besuch bei einem befreundeten Barkeeper oder eine gemeinsame Weinreise. Wir achten darauf, dass es keine grosse Überzeitensaldi mehr gibt und respektieren die Freizeit unserer Mitarbeitenden. Bei uns sind sie die Hauptdarsteller. 

 

Wie meinen Sie das?
Ein Barbetrieb ist wie ein Theaterstück. Jeder hat seine Rolle. Es gibt keine Hierarchien. Die Barkeeper sind die Hauptdarsteller. Das Serviceteam die Nebendarsteller und die Bar Backs die Ton- und Lichttechniker. Als Gastgeber habe ich die Funktion des Regisseurs und achte darauf, dass alle Rollen im Stück gut verteilt sind. Als Führungsperson muss ich die Stärken meiner Akteure kennen und wahrnehmen. Es gibt Schauspieler, die gewinnen «nur» in einer Nebenrolle einen Oscar. So verstehe ich das Gastgewerbe. 

 

Und welche Rolle spielen die Gäste?
Sie sind unsere Zuschauer. Idealerweise kommen diese so gerne zu uns, dass sie uns zwei- bis drei Mal im Monat besuchen, das Ambiente und die feinen Cocktails geniessen und sich dabei von unserem Team verwöhnen lassen. Am schönsten ist es für mich, wenn eine Stammkundin in unsere Bar kommt und nach einem spezifischen Mitarbeitenden fragt. Dann weiss ich, dass wir unseren Job richtig gut machen. 

 

Zum Schluss: Was ist Ihr Erfolgsrezept? 
Wir haben den besten Job der Welt, und das vermittle ich auch meinem Team. Alles, was wir anpacken, machen wir mit viel Herzblut und Leidenschaft, so auch unser neustes Projekt, das Sinaloa (siehe unten). Die Gastfreundschaft steht bei uns im Mittelpunkt. Als Unternehmer bin ich stets auf dem Boden geblieben. Gerade am Anfang ist man immer erfolgreich, und alle wollen sehen, was man da macht. Dann ist die Kasse schnell gefüllt. Wenn jedoch der anfängliche Hype vorbei ist, dann geht es darum, Durchhaltevermögen zu zeigen und seiner Vision treu zu bleiben. Als Barbetreiber habe ich ein Ziel: Meine Mitarbeitenden und meine Gäste sollen die Bar am Wasser mit einem Lächeln verlassen.