«Ich wollte eigentlich nie eine Chefin sein»

Nicole Steffen – 15. Juli 2026
Die Arbeit von Leandra Rodrigues, Geschäftsführerin im Restaurant From Heaven in Bad Ragaz SG, zeigt auf, wie wichtig emotionale Intelligenz und Empathie von Führungspersonen für das erfolgreiche Betreiben eines Restaurants sind.

»Als mein Mann mit seinen Freunden vor sechs Jahren das Restaurant eröffnet hat, wollte ich kein Teil davon sein», erzählt Leandra Rodrigues (39). Zu gross sei der Respekt gewesen, Privates und Berufliches miteinander verschmelzen zu lassen. Sylvio Rodrigues (40) hat mit seinem Bruder und vier Freunden das Restaurant eröffnet. Heute, sechs Jahre später, kümmert sich Leandra Rodrigues um das operative Geschäft und sämtliche Mitarbeitende und wohnt mit ihrer Familie im gleichen Gebäude in einer Wohnung oberhalb des Restaurants.

Während des Interviews sitzt der vierjährige Sohn an der Bar mit einer Portion Pommes frites und diskutiert fleissig mit. Er ist Teil dieses Restaurants, genauso wie seine Mama und sein Papa.

(K)ein klassischer Familienbetrieb

Als sie schwanger war, wurde den beiden bewusst, dass sich die Sorgearbeit besser aufteilen – und mit der Arbeit kombinieren – lasse, wenn beide Elternteile am gleichen Ort arbeiten. Und so startete sie 2022 als Servicefachangestellte im Restaurant. Nach und nach kamen weitere Aufgaben hinzu. Mitarbeitende sprangen ab, Verantwortung musste übernommen werden – und plötzlich war sie mittendrin.

Inzwischen schreibt Leandra Rodrigues Dienstpläne, ist für den Einkauf verantwortlich, begleitet Mitarbeitende, vermittelt zwischen Küche und Service und ist die Anlaufstelle für das ganze Team. Die Parallelen zwischen ihrer Rolle als Mutter und der Rolle als Geschäftsführerin seien relativ gross.

«Wenn jemand Probleme hat, kommt die Person eigentlich immer zu mir», erklärt Rodrigues. Die Mitarbeitenden fühlen sich von der Geschäftsführerin gesehen und verstanden, und dadurch können Konflikte früher aufgefangen werden. «Problemfelder werden bei uns nicht erst sichtbar, wenn sie eskalieren, sondern viel früher», führt die ehemalige Serviceangestellte aus.

Rodrigues arbeitet 60 Prozent im Betrieb und ist von Donnerstag bis Sonntag anwesend. Dann arbeitet die zweifache Mutter im Service mit, kümmert sich um den Einkauf und hört zu. «Auch wenn ich nicht im Betrieb bin, kann ich mich darauf verlassen, dass die Mitarbeitenden mich anrufen, wenn es Probleme gibt», erklärt sie. Es sei ihr sehr wichtig, dass alle ernst genommen werden und sich frei äussern können.

Sie ergänzt: «Fehler werden bei uns nicht sanktioniert. Vielmehr setzen wir uns gemeinsam hin und suchen eine Lösung.» Dieses Grundvertrauen spürt man im ganzen Betrieb. Die Atmosphäre ist locker und entspannt. Keine Uniformen, keine weissen Tischtücher und eine einfache, aber feine Speisekarte.

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Die ehemalige Hotelbar wurde zu einem stilvollen Restaurant umgestaltet.

Ein empathischer Führungsstil

Diese innere Haltung prägt auch ihren Führungsstil. Mitarbeitende werden schrittweise in die Verantwortung eingebunden. Zwei Teammitglieder übernehmen inzwischen selbstständig organisatorische Aufgaben, weil Rodrigues sie früh in Entscheidungen einbezogen hat. «Ich will nicht immer alle Probleme selbst lösen», sagt sie. Wer Verantwortung übernehmen dürfe, entwickle auch Sicherheit und Selbstvertrauen.

Diese emotionale Arbeit wird täglich geleistet, aber selten sichtbar gemacht. «Sobald man Geld für etwas verlangt oder professionell arbeitet, bekommt Fürsorglichkeit oft einen komischen Beigeschmack», erklärt sie. Dabei seien genau diese Qualitäten zentral für funktionierende Teams. Sie habe mehrfach in ihrem Berufsalltag erlebt, dass Mitarbeitende mit emotionalen Themen oft nicht zu klassischen Vorgesetzten gingen, obwohl diese offiziell dafür zuständig gewesen wären.

Rodrigues ist überzeugt, dass gerade die Gastronomie künftig stärker von empathisch geprägten Führungsqualitäten profitieren könnte. Besonders im Alltag eines Teams, das aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachräumen besteht. In der Küche arbeiten spanischsprachige Mitarbeitende, dazu kommen Angestellte aus Afghanistan. Kommunikation brauche deshalb Geduld und Verständnis. «Mitarbeitende müssen sich sicher fühlen, damit sie sich entwickeln können», erklärt sie. Deshalb übernimmt Rodrigues oftmals eine vermittelnde Rolle, nicht wegen ihrer Position, sondern weil sie überzeugt ist, dass sie dadurch die Grundlage für ein erfolgreiches Miteinander legt.

Es geht um mehr als gutes Essen

Das Restaurant From Heaven hat von Dienstag bis Sonntag geöffnet und serviert Tapas, feine Weine aus der Bündner Herrschaft und Europa und eine kleine Auswahl an Drinks. Es verzichtet bewusst auf eine klassische Form der Gastronomie. Es gebe hier keinen Dresscode.

Weder für die Gäste noch für die Mitarbeitenden, erklärt Rodrigues. «Man soll uns an dem erkennen, was wir ausstrahlen und nicht an unserer Kleidung», sagt sie. Es ginge auch nicht primär ums Essen oder wer der Chef oder die Chefin sei. Vielmehr gehe es darum, schöne Momente zu geniessen und unvergessliche Erinnerungen zu schaffen.

Hierfür organisiert das Restaurant regelmässige Livekonzerte und lancierte kürzlich sogar ein eigenes Podcast-Format, das im Restaurant und vor Livepublikum aufgezeichnet wird. Jeden Monat werden verschiedene Persönlichkeiten ins Restaurant eingeladen für ein offenes Gespräch über das Leben, den Erfolg, das Scheitern und alles dazwischen, so heisst es auf deren Website.

Die Aufnahmen finden live im Restaurant statt, vor einem Publikum von 50 bis 80 Personen. Jeden Samstag und jeden Sonntag findet zudem ein Brunch statt, teilweise ebenfalls mit Livemusik von einem spanischen Gitarristen.

Das Restaurant From Heaven ist mehr als ein Restaurant. Es ist ein Ort zum Ankommen und Verweilen. Es ist ein Zuhause für Leandra und ihre Familie. Und es ist eine Plattform für Musik und Kultur. Rodrigues und ihre Familie haben inmitten der Bündner Herrschaft und umrahmt von vielen namhaften Betrieben eine kleine Oase geschaffen.