Das Thema ist akut: Täglich verschwinden schweizweit zwei bis drei Beizen. Besonders betroffen sind bekanntlich kleine Dorfrestaurants. Das schwächt den sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum. Ohne neue, innovative Organisations- und Betriebsmodelle wird sich dieser Trend fortsetzen.
Genau hier setzt die Agentur Gutundgut an, wie Partner Rafael Enzler erklärt: «Mit unserem Projekt "Rettet die Dorfbeiz" wollen wir das Aussterben von Beizen in ländlichen Regionen verhindern, gerade in jenen Orten, wo es keine wirtschaftlichen Lösungen gibt und der soziale Charakter, den eine Beiz hat, vollständig wegbrechen würde.» Enzler, der auch Präsident von St. Gallen Bodensee Tourismus ist und von 2000 bis 2013 für Schweiz Tourismus in Kaderpositionen arbeitete, führt aus, dass mit dem Projekt Modelle entwickelt werden sollten, um identitätsstiftende Treffpunkte am Leben zu erhalten. «Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig sehen wir eine Vereinsamung in der Gesellschaft. Für die direkte Demokratie ist der Austausch in einer Beiz sehr wichtig.»
GastroSuisse neu im Boot
Zusammen mit Anne van der Pot, Praktikantin bei der Agentur Gutundgut, will Enzler nun drei bis fünf Gemeinden finden, um gemeinsam Modelle zur Rettung der Dorfbeizen zu entwickeln. Erste Gespräche mit Gemeinden hätten bereits stattgefunden. Diese befinden sich in verschiedenen Regionen – vom Toggenburg bis zum Wallis, was die nationale Bedeutung des Projekts aufzeigt. «Wir beabsichtigen, funktionierende Prototypen zu schaffen, die als Vorbild für die ganze Schweiz dienen können. Interessierte Gemeinden, potenzielle Gastgeber oder Partnerorganisationen können sich bei uns für einen ersten Austausch melden.»
Neu wird das Projekt «Rettet die Dorfbeiz» von GastroSuisse unterstützt. Verbandsdirektorin Kareen Vaisbrot betont: «Ziel ist es, neue Ansätze für die Gastronomie im ländlichen Raum, in dem es keine Beizen mehr gibt, zu diskutieren und aufzuzeigen. Wir haben uns entschieden, das Projekt beratend zu begleiten. Wenn eine Gemeinde eine Beiz mit Steuergeldern betreibt, reagieren manche Mitglieder kritisch. Sie unterstützen uns jedoch, wenn es keine andere Lösung gibt.»
Enzler bestätigt: «Es braucht wohl ein gesellschaftliches Engagement, etwa durch Stiftungen. So ist die Schweizer Berghilfe interessiert, einzelne Betriebe zu unterstützen.» In den nächsten drei Jahren stehe im Vordergrund, die finanziellen Mittel zu beschaffen.
Der Ostschweizer Mitgründer und Partner der Agentur ist selbst ein häufiger Beizenbesucher. Eine Beiz können in einer Gemeinde dieselbe bedeutende Rolle wie ein Ortsmuseum haben, das für Geschichte und Identität steht. Enzler sieht gleichzeitig die Herausforderungen, denn in den Dörfern herrsche oft die Erwartungshaltung, dass die Betriebe vom Morgenkaffee um 9 Uhr bis gegen Mitternacht geöffnet haben, was entsprechende Ressourcen verlangt und für stark schwankende Umsätze sorgt.
«Ohne Beiz keine Schweiz!»
Ähnliche Ziele wie Gutundgut verfolgt der im August 2024 gegründete Verein Pro Beiz, der laut Präsident Flurin Capaul «kein politischer Verein ist, sondern ein Zusammenschluss von Gästen, Beizenliebhaberinnen und Menschen mit grosser Freude am romantischen Bild und den schönen Gefühlen, die Beizen in uns wecken». Hauptzweck des Vereins ist, die schweizerische Beizenkultur zu fördern und zu bewahren.
«Ohne Beiz keine Schweiz!», sagt der Mitgründer und FDP-Gemeinderat der Stadt Zürich und argumentiert: «Beizen sind Treffpunkt, Kulturort und kulinarisches Gedächtnis unseres Landes. Sie tragen entscheidend dazu bei, regionale Produkte und Gerichte zu bewahren und neu zu entdecken. Dieser Schatz gehört in der ganzen Schweiz gepflegt, von Genf bis Altstätten und von Schaffhausen bis Mendrisio.» Capaul, der gerne auch selbst kocht, verspricht: «Wir werden im Rahmen unserer ersten GV die Beiz des Jahres erküren.»