Das 19. Gourmetfestival am 1. August im Hamburger Hafen ist ein spezieller Jahrgang: Immer wieder fällt Regen, was es für die Organisationen der Genussmeile mit 29 Ständen auf dem Pooldeck des Luxuskreuzers MS «Europa» der Reederei Hapag-Lloyd nicht einfach macht. Mit an Bord als einzige Schweizer Publikation: das GastroJournal.
Die geladenen Gäste und Passagiere nehmen das herbstliche Wetter mitten im Sommer gelassen und freuen sich auf die Gerichte der versammelten Spitzenköche. Sie vereinen 17 Michelin-Sterne und drei grüne Sterne. Ben Schütz (25), seit Jahresbeginn Küchenchef auf der «Europa», lädt erstmals Kolleginnen und Kollegen zum kulinarischen Gipfeltreffen an Bord ein. Stammgast unter den Berufskollegen ist Dreisternekoch Kevin Fehling (Restaurant The Table Hamburg) und gleichzeitig Patron des Bordrestaurants The Globe. Er serviert Kabeljau an einem Apfel-Staudensellerie-Sud, Limetten und Forellenkaviar.
Schweizer Premiere mit Zwillingen
Erstmals seit 2022 ist höchste Schweizer Kochkunst wieder gefragt: Die Zwillinge Dominik Sato und Fabio Toffolon (36, zwei Michelin-Sterne) vom The Japanese Restaurant im Chedi in Andermatt UR sorgen bei ihrer Europa-Premiere mit Kaisergranat, Miso und Zucchetti für einen kulinarischen Höhepunkt.
«Wir wurden per Mail angefragt und haben uns sehr darüber gefreut. Das Line-up ist aussergewöhnlich», sagt Toffolon. Und Sato erklärt: «Das Mis en Place haben wir in unserem Restaurant vorbereitet. Ein Spediteur hat dann unsere Waren abgeholt.» Die Europa-Crew organisierte für die Schaffhauser Zwillinge am Pooldeck einen Holzkohlegrill, wo sie 400 Portionen Kaisergranat zubereiten. Die Ziele für dieses Jahr? «Immer besser werden. Wir haben im Chedi Andermatt ein super eingespieltes Team», sagt Sato, und sein Bruder ergänzt: «Drei Sterne und 19 Punkte wären toll. Aber wir sind nicht so vermessen, dies für dieses Jahr erreichen zu wollen. Wichtig ist Konstanz.»
Die Herausforderungen von Lisa Angermann
Als Spitzenköchin einer jungen Generation gilt Lisa Angermann (34), die in ihrem Restaurant Frieda in Leipzig seit 2021 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde und erstmals bei «Europas Beste» dabei ist. «Ich kannte diesen Event und dachte, da würde ich auch gerne mal mitmachen. Entsprechend habe ich mich sehr gefreut, als die Anfrage per E-Mail kam.» Zusammen mit den anderen eingeladenen Köchen und Akteuren wie Winzern, Kaviar-, Kaffee- und Käsespezialisten nahm sie in einem Oldtimerbus auf einer Stadtrundfahrt teil und liess sich danach mit ihren Berufskollegen von Steffen Henssler verköstigen. Ihre aktuelle Herausforderung in Ostdeutschland: «Steigende Kosten bei Lebensmitteln, beim Personal, Strom und der Logistik. Als privat geführtes Unternehmen müssen wir wirtschaftlich arbeiten, können aber nicht alles auf den Menüpreis abwälzen. Sonst haben wir keine Gäste mehr.» Ihr Zehngänger kostet 142 Euro. «Wir müssten 210 Euro verlangen.» An ihrem Stand an Bord ist die Warteschlange besonders lang: Mit ihrem Mann Andreas Reinke kocht sie lackierte Querrippe an einer Artischockencrème, Brokkoli, Schmandvinaigrette und Röstzwiebelerde.
Fischkünstler Lukas Nagl
Hervorragend zubereitet auf der «Europa» ist ebenso der Zander mit hausgemachter Miso, Stangenbohnen, eingelegtem Pfirsich, Kremstaler Ingwer und Haselnuss von Lukas Nagl (37), der mit seinem 2012 eröffneten Bootshaus am Traunsee als bester Koch Oberösterreichs und bester Fischkoch im ganzen Land gilt. Für «Europas Beste» entschied er sich für den nachhaltigen Zander von Böhmerwald Fisch. «Für 400 Personen kann ich keinen Wildfangfisch verwenden. Zwei Tage vor dem Anlass habe ich den Zander um 5 Uhr in der Früh zerlegt und angebeizt. Um 9 Uhr kam die Spedition und hat alles abgeholt», erzählt Nagl dem GastroJournal in Hamburg.
Der dreifache Familienvater aus dem Salzkammergut hat von Michelin einen Stern sowie einen grünen Stern und von GaultMillau sogar 18,5 Punkte erhalten. «Michelin ist ein Gameganger, weil die Reichweite weltweit ist. Doch wir ordnen den Bewertungen nicht alles unter. Wichtig ist, dass wir einen Fixpunkt auf der kulinarischen Landkarte Österreichs sind.»
«Europas Beste» sorgt beim österreichischen Spitzenkoch für gleich zwei Premieren: Nagl ist ebenfalls zum ersten Mal dabei und hat zugesagt, obwohl in seinem Betrieb jetzt Hochsaison ist. «Ich möchte immer im Restaurant stehen, wenn wir geöffnet haben. Aber wichtig ist das Vertrauen gegenüber meinem Team. Wir Gastronomen müssen auch mal Urlaub machen können.» Und deshalb kam das Bootshaus erstmals ohne seinen Patron aus.
Markus Schneider mit Syrah
«Europas Beste» steht nicht nur für Spitzenköche, sondern auch für Produkte wie die Käsespezialitäten des Elsässers Bernard Antony, mit 82 Jahren der älteste Teilnehmer. Oder den Wachauer Winzer Franz Hirtzberger, der mit seinem Grünen Veltliner Honivogl Smaragd 2021 einen Weltklassewein ausschenkt. Zu den Starwinzern zählt Markus Schneider (49), ein regelmässiger Gast am Gourmetevent. Die Boutiqueweinhandlung Boucherville in Zürich, seit gegen 20 Jahren Schweizer Exklusivimporteur, hat seinen Betrieb zum «Weingut des Jahres» ausgezeichnet. Der Schweizer Markt sei für ihn wichtigstes Exportland. Was denkt er über den Trend zu alkoholfreien Weinen? «Es wäre das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass keine Weine mehr getrunken werden. Ein Genusswein oder ein Feierabendbier zur Belohnung gehört zu unserem Leben.» Seine Marke sei stark, die Nachfrage der Restaurants nach wie vor hoch. «Aber es wird weniger Geld ausgegeben.»
Wer einen der bekanntesten Winzer Deutschlands wieder an Bord sehen möchte, sollte sich den 25. Januar 2026 vormerken: Dann fährt die MS «Europa II» ab Los Angeles Richtung Hawaii und Südsee. Schneider ist bei einem Weintalk dabei und zeigt je zwei europäische und amerikanische Weine im Glas. «Wir schlagen eine Brücke zwischen Europa und den USA», sagt der Winzer. Aktueller könnte das Thema nicht sein.