«Es ist in der DNA von GastroSuisse, für unsere Mitglieder da zu sein»

Corinne Nusskern – 08. Januar 2026
Am 1. November 2025 startete Kareen Vaisbrot als Direktorin von Gastro­Suisse. Im exklusiven Interview mit dem GastroJournal zieht sie eine erste Bilanz und verrät ihre Vision für die nächsten Jahre.

Kareen Vaisbrot, wie lautet deine Bilanz nach 70 Tagen GastroSuisse?
Kareen Vaisbrot: Normalerweise zieht man eine Bilanz nach 100 Tagen – mir wurden also 30 Tage weggenommen (lacht). Im Ernst: Ich erlebe die Branche als äusserst vielfältig und geprägt von sehr engagierten Menschen, die alle von derselben Motivation getragen werden: Gastfreundschaft! Das von innen zu erleben, ist etwas ganz anderes als aus der Perspektive der Gäste. Ich sehe Menschen, die mit grosser Leidenschaft arbeiten – trotz tiefer Margen und hohen Kosten. Gleich­zeitig sehe ich einen grossen Verband, dessen Stärke wir noch konsequenter umsetzen wollen. Unser Projekt mit dem nationalen Auftritt bietet uns die Chance, zusammen mit den Kantonalverbänden einheitlicher aufzutreten und unsere Kräfte besser zu bündeln.

Was heisst das für die Mitglieder?
Zentral ist für mich, dass unsere Mitglieder mit unserem Engagement und unseren Dienstleistungen zufrieden sind. Wir stehen für sie da, das ist unsere DNA. Und nicht zuletzt verfügen wir intern über ein enormes Fachwissen. Unterm Strich: Ich arbeite in einer positiven und spannenden Branche. Es gibt viel zu tun – genau das gefällt mir.

Was hast du dir für dieses Jahr vorgenommen?
Ich habe drei Hauptpunkte auf meiner Liste: Zuerst geht es mir um die Wertschätzung der Branche in der Öffentlichkeit. Alle reden über das Gastgewerbe. Wir stehen für so viel Leidenschaft, harte Arbeit und schöne Erlebnisse. Ich wünsche mir, dass wir darüber noch viel mehr lesen werden. Zweitens möchte ich die Mitglieder in ihrer täglichen Arbeit stärker unterstützen und für einen Mehrwert unter den Mitgliedern sorgen. Mein drittes Ziel ist, dass wir uns mit unseren Anliegen in Bern, wo unser Einfluss in der Politik jetzt schon sehr gross ist, noch mehr durchsetzen und wir in den Kantonen politisch stärker gehört werden.

Stichwort Politik: Wo dürfen wir dich politisch einordnen?
Ich bin klar liberal. Ich bin für Selbstverantwortung. Der Staat soll nur dort intervenieren, wo es wirklich notwendig ist. Und ich bin für Freiheit und Autonomie der Bevölkerung. Ich bin besorgt über einige politische Entwicklungen.

Beispielsweise?
Die in einzelnen Kantonen eingeführten Mindestlöhne. Das sind Themen, die nicht auf politischer Ebene entschieden werden sollten, denn das stellt den Nutzen der Sozialpartnerschaft infrage.

Blicken wir noch weiter in die Zukunft. Was ist deine Vision für die nächsten Jahre in einem Satz?
Eine wirtschaftlich starke und innovative sowie sozial verankerte Gastronomie und Hotellandschaft in der Schweiz.

Wie erfolgt die Abstimmung mit Präsident Beat Imhof?
Es hat sich bestätigt, dass wir uns sehr gut verstehen und optimal ergänzen. Beat kennt die Branche perfekt, und ich komme aus der Verbandswelt. Diese Mischung ist eine ideale Balance, um unsere Organisation voranzutreiben. Im Moment investiere ich viel Zeit für die Geschäftsstelle von GastroSuisse und unsere Mitglieder. Beat ist das Gesicht gegen aussen. Gemeinsam verfolgen wir die gleichen Ziele: Schlagkraft, Kontinuität dort, wo es gut funktioniert, und Innovation, wo es nötig ist. 

Wo befinden sich die grössten Baustellen? 
Der Kosten- und Regulierungsdruck in den Betrieben ist riesig. Und es gibt einen Trend einer moralischen Gewichtung in der Gesellschaft, beispielsweise mit der WHO, die uns weismachen will, dass ein Glas Wein pro Tag schädlich sein soll. Solche Entwicklungen bereiten mir Sorgen. Es ist nicht die Aufgabe des Bundes, sich ins Privatleben der Bevölkerung einzumischen. Es geht um Genuss, Selbstverantwortung und Kultur. Das macht die Gastronomie aus.

Und was sind die Stärken von GastroSuisse?
Wir haben eine starke politische Verankerung. Wir sind sehr aktiv und werden gehört. Und selbstverständlich gehört unsere umfassende Dienstleistung zu unseren Stärken. Wir sind sehr breit organisiert, was uns erlaubt, nahe bei den Betrieben und in den Kantonen zu sein und deren Puls zu messen. Wir müssen wissen, wo bei den Mitgliedern der Schuh drückt, und helfen, wo es notwendig ist, und nicht, wo wir denken, dass es notwendig sein würde.

Kareen Vaisbrot 012 20251217

Was hat dich bis anhin am meisten überrascht?
Die Branche denkt nicht in Problemen, sondern in Möglichkeiten. Das erfordert eine hohe Agilität, wenn es nicht so läuft, wie es geplant wurde. Doch mit Kreativität und Anpassungsfähigkeit ist es möglich, schnell auf Herausforderungen zu reagieren. Dieses Denken hat mich positiv überrascht.

Wo siehst du den grössten Veränderungsbedarf im Schweizer Gastgewerbe?
Die Branche ist im Wandel: Digitalisierung versus Gastfreundschaft und Effizienz. Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung. Die Gäste erwarten vermehrt regionale Produkte. Und über den Fachkräftemangel haben wir noch nicht gesprochen. Lernende zu gewinnen, ist eine grosse Herausforderung. Und hier schliesst sich der Kreis: So wie die Publikumsmedien über die Branche berichten, erweisen sie uns einen Bärendienst bei der Gewinnung von neuen Arbeitskräften. Wieso wird nicht noch mehr über die schönen Erlebnisse geredet, die wir in der Gastronomie tagtäglich bieten?

Die Nachhaltigkeit ist für GastroSuisse sehr wichtig. Sie reicht vom Energiesparen bis zur Verminderung von Lebensmittelverschwendung: Wie können die Betriebe Nachhaltigkeit finanziell und organisatorisch stemmen?
Es ist klar: Nachhaltigkeit muss für die Betriebe wirtschaftlich tragbar sein. Wir können mit Best Practices helfen, ressourcenschonende Ansätze zu zeigen statt solche, die die Bilanz belasten. Wer es schafft, aus der Nachhaltigkeit einen Wettbewerbsvorteil zu kreieren und nicht einen Kostenfaktor, hat gewonnen.

Wie kann der Verband den Mitgliedern helfen, den steigenden Kosten zu begegnen?
Indem wir ebenfalls positive Beispiele teilen und zeigen, wie es andere machen. GastroSuisse hat am Hotel-Innovationstag über viele Jahre regelmässig gute Konzepte ausgezeichnet. Die Betriebe können gut funktionierende Konzepte adaptieren. Wir müssen gleichzeitig in der Gesellschaft für noch mehr Verständnis sorgen, weshalb die Menüpreise steigen.

Der Fachkräftemangel bleibt ein grosses Thema. Du hast ihn angesprochen. Welche neuen Lösungen dürfen wir von GastroSuisse erwarten? 
Ein wichtiger Ansatz liegt in der Wahrnehmung unserer Branche. Wir müssen noch stärker sichtbar machen, dass das Gastgewerbe attraktive und flexible Einstiegsmöglichkeiten bietet – auch für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sowie für Menschen, die in Teilzeit arbeiten möchten. Kaum eine andere Branche erlaubt einen so unkomplizierten Einstieg und gleichzeitig eine Arbeitsgestaltung, die sich an unterschiedliche Lebensphasen und persönliche Bedürfnisse anpassen lässt. Das ist gerade für Familien ein grosser Vorteil.

Was hat dich persönlich motiviert, die Herausforderung als GastroSuisse-Direktorin anzunehmen?
Die Branche ist enorm wichtig. Gastfreundschaft schafft Identität, Arbeitsplätze und Erlebnisse. Noch wird aber die wirtschaftliche Bedeutung des Gastgewerbes unterschätzt. Indirekt kommen wir auf fünf Prozent des BIP. Dies dürfen wir klarer kommunizieren.

Wie hast du als damaliges Mitglied der Geschäftsleitung von Swissmem GastroSuisse wahrgenommen?
Dazu fallen mir zwei Begriffe ein: verbindend und wirkungsvoll.

Wie beschreibst du deinen Führungsstil?
Ich führe kooperativ, jedoch nicht beliebig. Ich höre zu, analysiere, entscheide und setze um, jeweils wertschätzend und mit Herz. Mich interessieren die Menschen. Auch das ist ein Grund, weshalb ich für GastroSuisse arbeite.

Und zum Schluss: Wann hattest du ein besonders prägendes Erlebnis im Gastgewerbe?
In unserer Familie feiern wir die Geburtstage jeweils in einem Restaurant. Als wir anlässlich des Geburtstags unserer Tochter in einem Lokal in Zürich waren, hat uns die Vielfalt auf der Karte begeistert. Wir hätten am liebsten gleich alles bestellt und wussten nicht so richtig, was wir auswählen sollen. Der Kellner bot uns an: «Wenn ihr offen seid, stelle ich euch ein paar spezielle Gerichte zusammen.» Wir waren beeindruckt vom Mut des Kellners, uns den Entscheid abzunehmen. Am Schluss haben wir genau das bekommen, was wir wirklich wollten. Das war ein sensationelles Erlebnis.