Einfach nur Käse? Mitnichten!

Oliver Borner – 25. September 2025
Die Milchmanufaktur Einsiedeln produziert aus regionaler Milch hochwertige Käsespezialitäten. Was vor zehn Jahren mit einer verrückten Idee begann, ist heute eine grosse Erfolgsgeschichte, von welcher Bauernfamilien, Produzenten und Gastronomen wie Michel Péclard profitieren.

Jede seiner 25 Kühe liefert im Schnitt täglich 20 Liter Milch, für jeden Liter Milch zahlt die Milchmanufaktur Einsiedeln einen zehn bis 15 Prozent höheren Milchpreis als die Industrie. Möglich wird dieser mit dem funktionierenden Konzept der Milchmanufaktur, welches Produktion, Selbstvermarktung im Laden und Gastronomie unter einem Dach verbindet. Bis zu 150 000 Menschen besuchen die Manufaktur pro Jahr.  Für die Käseproduktion liefern sieben Bauernfamilien pro Tag bis zu 4000 Liter Heumilch, woraus jährlich 120 Tonnen Käse entstehen – vom Einsiedler Bsetziststei über die Fonduemischung bis zum Mozzarella. Daneben wird die Milch zu feinem Joghurt oder Glacé verfeinert.

Das macht Geschäftsführer Schönbächler einerseits sehr stolz, bringt auf der anderen Seite aber viele Herausforderungen mit sich. «Wir sind ein absoluter Spezialitätenbetrieb. Unser Marktanteil ist sehr klein. Wir müssen innovativ und schnell am Markt sein und die richtigen Kanäle für unsere Produkte finden.» Dazu gehören Gastronomen, Hoteliers oder Weiterverkaufsstellen in der Grossregion Zürich und Zug. Aktuell gehen rund 50 Prozent der Produkte in den Detailhandel, je ein Viertel der Produkte werden im eigenen Laden verkauft oder in der auswärtigen Gastronomie. Insgesamt beliefert die Manufaktur 80 Gastronomiebetriebe in der Region Einsiedeln und rund um den Zürichsee.

Radikal regional am Zürichsee

Einer dieser Gastronomen ist der schweizweit bekannte Tausendsassa Michel Péclard. Der Zürcher bezieht seit vielen Jahren die Produkte der Milchmanufaktur und ist von deren Qualität überzeugt. «René liefert mir mit seinen vielen Käsesorten etwas, das ich in der Region Zürich nirgends finde», sagt er. Mittlerweile werden viele seiner Restaurants rund um den Zürichsee mit dem Einsiedler Käse beliefert.

Neben der Qualität hat das auch einen fundamentalen Grund: «Warum sollte ich billigen Käse aus dem Ausland einkaufen und meinen Gästen auf den Teller bringen, wenn es hier in der Umgebung eine Manufaktur gibt, welche in Zusammenarbeit mit lokalen Milchbauern feinsten Käse herstellt?», fragt Péclard. «Das ergibt aus umweltlicher, wirtschaftlicher und moralischer Sicht keinen Sinn!» Zudem ist er davon überzeugt, dass seine Gäste wie im Gasthof Luegeten oberhalb von Pfäffikon SZ diese Produkte wollen. «Die Gäste kommen in unsere Restaurants und wissen: Der Käse kommt aus der Milchmanufaktur Einsiedeln, das (Einsiedler) Bier von der Brauerei Rosengarten, der Wein aus der Klosterkellerei in Einsiedeln, der Fisch ist aus dem Zürichsee und das Gemüse aus dem Züri Oberland. Damit machen wir die Gäste glücklich und das sagen sie uns auch», so Péclard. Und: Die Gäste seien bereit, diese Preise zu zahlen. «Man muss aber sauber kommunizieren, woher die Produkte stammen. Dann ist der Gast bereit, für ein Gericht mit regionalen Produkten mehr zu zahlen als für ein Gericht mit Produkten aus konventioneller Herstellung oder aus dem Ausland.» Geiz sei für Gastronomen der falsche Weg.

Péclard deklariert in all seinen Restaurants die genaue Herkunft seiner Produkte. Gerade beim Käse ist diese Deklarierung sehr wichtig. «Käse ist in den Gerichten in der Regel nicht sichtbar. Er wird in ein Gericht – zum Beispiel in geriebener Form – hineinverarbeitet. Für den Gast ist es daher sehr schwierig, zu erkennen, ob dies nun ein regionaler oder ein Käse aus dem Ausland ist. Die Deklarierung ist eine Hilfe für den Gast, welcher das Gericht vielleicht gerade deshalb bestellt, weil es aus regionalem Käse besteht», so Péclard.

Dass er damit seine Köchinnen und Köche nicht immer glücklich macht, stört ihn nicht. «Ich habe mich bewusst für diesen Weg entschieden und werde daran festhalten. Auch wenn die Produkte gegenüber der ausländischen Konkurrenz teilweise massiv teurer sind.» Diesen Umstand illustriert Péclard gerne am Beispiel der Brauerei Rosengarten in Einsiedeln. «Der Liter Bier kostet mich dort im Einkauf 3.40 Franken. Eines Tages kam Heineken auf mich zu und bot mir den Liter Bier für einen Franken an, wenn ich ihr Bier in all meinen Restaurants exklusiv verkaufe. Viele hätten diesem Deal wohl zugestimmt, ich habe allerdings abgesagt. Warum? Erstens, weil das Bier der Brauerei Rosengarten aus der Region stammt und qualitativ gut ist, und zweitens, weil Alois Gmür, Braumeister und Besitzer der Brauerei, mich damals, als ich mit dem ersten Restaurant in Zürich angefangen habe, finanziell unterstützt hat. Ich werde ihm das nie vergessen und daher an unserer langjährigen Partnerschaft festhalten.»

Einen weiteren Grund für seinen Fokus auf regionale Produkte liegt in der Leidenschaft, welche die Produzenten in ihre Produkte legen. «Ich beziehe meine Fische von zwölf Fischern am Zürichsee. Jeder Einzelne von denen ist stolz darauf, zu sehen, in welchen Restaurants die Fische, welche sie jeden Tag aus dem Zürichsee ziehen, landen.» Diesen Stolz teilt Bauer Markus Kälin. «Es gibt meiner Frau und mir ein gutes Gefühl, wenn wir sehen, welche Produkte aus unserer Milch, die wir tagtäglich produzieren, entstehen. René bietet uns mit der Manufaktur ein Schaufenster und damit eine Anerkennung für unsere Arbeit.» Und auch beim Geschäftsführer ist eine grosse Genugtuung zu spüren. «Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass wir unsere Produkte so weit herum verkaufen würden. Dass so viele Kundinnen, Gäste und Gastronomen zu uns kommen und uns sagen, dass wir gute Produkte herstellen, macht mich unglaublich stolz.»

Zum Jubiläum erhält die Milchmanufaktur einen Preis

Das ist auch der Antrieb, welchen Schönbächler dazu motiviert, die Manufaktur weiterzuentwickeln. Der Wunsch für die Zukunft ist, weiterhin kontinuierlich zu wachsen. «Wir wollen Beständigkeit in unserem Unternehmen und unsere Qualität konstant hochhalten», so Schönbächler. Auch gegenüber einer Zusammenarbeit mit weiteren Bauern ist er offen. «Momentan haben wir zwar keine Bauern auf der Warteliste, welche uns mit Heumilch beliefern wollen. Aber wenn jemand den Willen hat, seinen Betrieb umzustellen, sind wir immer bereit für Gespräche.» Für Gespräche offen zeigt sich auch Michel Péclard. Er plant, seinen Käse nur noch aus der Milchmanufaktur Einsiedeln zu beziehen. «Da braucht es noch ein paar Koordinationen mit den Lieferungen. Aber ich bin guter Dinge, dass wir einen Weg finden werden», sagt er.

Für die Manufaktur und ihre Bauernfamilien gilt es zunächst, das zehnjährige Bestehen der Manufaktur zu feiern. Für diesen Anlass wurden extra die Einsiedler Mutschlis mit eingebrannten Emojis, sogenannte «Emutschlis», kreiert. Daneben können die Gäste im Restaurant der Manufaktur Jubiläumsmenüs- und Znünis geniessen. Ein grosses Geschenk durfte das Team rund um René Schönbächler bereits Anfang September in Empfang nehmen: Die Schweizer Berghilfe zeichnete die Manufaktur mit dem mit 40 000 Franken dotierten Prix Montagne aus. «Das ist das Tüpfelchen auf dem i. Was für eine Ehre, diesen Preis mit nach Hause zu nehmen.»