Die herzlichen Gastgeber von Herznach

Corinne Nusskern – 23. September 2026
Es war ein Zu- und vor allem ein Glücksfall: Kurz bevor der Gasthof Löwen im aargauischen Herznach seine Pforten für immer schloss, übernahmen Florian Stöter-Tillmann und Tanja Fleissner im April 2025 den Traditionsbetrieb. Eine grosse Freude für alle – und nur Gewinnerinnen und Gewinnern.

Sie hätten es ruhiger haben können. Aber dafür sind Florian Stöter-Tillmann (56) und Tanja Fleissner (56) zu gerne Gastronomen. Durch Zufall hörten sie vor anderthalb Jahren über ihre Wohnungsvermieter, die mit einer Dame vom Löwen-Stammtisch Golf spielen, dass der Gasthof Löwen in Herznach AG – das letzte Restaurant im Dorf – schliessen werde. «Ich wollte schon immer einen Gasthof führen», sagt Florian. «Die Lage an der Genussstrasse Jurapark ist ideal, das Haus wurde 2010 umgebaut, und von der Küche bis zu den acht Hotelzimmern ist alles in gutem Zustand.» So trifft er im Januar 2025 den Inhaber Marcel Suter, der den Betrieb selbst führte, und startet drei Monate später freudig als Pächter und Gastgeber. Tanja, damals noch als Leiterin Personal im Läckerli Huus tätig, steigt im Januar 2026 voll mit ein.

Freude herrscht auch im Dorf, dass der letzte Gastrobetrieb in Herznach wei­terlebt. Es geht um viel mehr als um Essen und Hotel­betten: Der Löwen ist eines der ältes­ten Gasthäuser im oberen Fricktal, und in Zeiten zunehmen­der Schnelllebigkeit und Digitalisierung braucht es echte Treffpunkte mehr denn je. «Restau­rants und Stammtische sind Orte der Begegnung, das ist Kultur», sagt Tanja. Und da steht er, unübersehbar in der Gaststube (50 Plät­ze): der Stammtisch aus amerikanischem Nussbaumholz.

Prägnant sind genauso die Wandbögen. Sie erinnern an das Eisenbergwerk Herznach, das bis 1967 ein wichtiger Arbeitgeber war. Neben der Gaststube liegt das Stübli (30 Plät­ze), dazu kommen die Terrasse (40 Plät­ze) und der Löwensaal (60 Plät­ze). «Herznach ist das Dorf der Vereine», so Tanja. Auf 2788 Einwohner kommen in der 2023 fusionierten Gemeinde Herznach-Ueken über 20 Vereine! «Auch sie brauchen einen Ort.» 

Keine Kompromisse

Doch ihr Blick reicht noch weiter. «An einem Gasthof hängt eine ganze Wirtschaft von Produzenten und Lieferanten mit dran. Wenn das verloren geht, spürt das die Region», führt Tanja aus. Sie ist die Quirlige der beiden, Florian der Ruhepol. Der Löwen ist bekannt für seine gutbürgerliche Küche mit saisonalen Frisch­produkten wie Forellen vom Fischergut Rheinsulz bei Laufenburg AG, Wild aus dem Staffeleggtal und lokalem Bier vom Brau- und Rauchladen in Densbüren. «Der Fokus auf Heimisches ist uns wichtig und begleitet mich schon mein ganzes Leben, ich bin ursprünglich aus Bayern», erzählt Florian. «Bei Fleisch mache ich keine Kompromisse, da setze ich auf Schweizer Fleisch von Metzger Christoph Bernet in Obermumpf.»

Mittags jedoch müsse es schnell gehen und günstig sein, da komme das Schweizer Fleisch auch mal vom Grossmarkt. Nur so sind die fairen Preise (ab 18.50 Franken) möglich. 30 bis 50 Mittagessen verkaufen sie jeden Tag. 

«Die Menschen wollen etwas erleben»

Auf der klassischen sowie auf der saisonalen Monatskarte findet sich viel Fleisch, von Ochsenmaulsalat über Kalbsgeschnetzeltes bis zu Rindsfilet. Fleisch sei auf dem Land stets sehr gefragt, Vegetarisches kaum ein Thema, und seit Florians Übernahme waren im Löwen gerade mal zwei Veganer zu Gast. «Manche sagen: ‹Ah, auch ihr habt Schnipo, ist das nicht etwas langweilig?›», so Florian. «Doch würde ich dies von der Karte nehmen, wäre der Teufel los!» Die beliebten und rustikalen Pommes frites stammen von mehreren Berner Kartoffelbauern.

Sie sind ein kleines Team mit insgesamt sieben Mitarbeitenden. «Zum Glück ist die langjährige Küchenchefin Silvia Rubin bei uns geblieben», sagt Florian. «Fachkräfte zu finden, ist schwierig.» Mittags läuft der Löwen sehr gut, abends dürfte es – ausserhalb der stets ausgebuchten Wildsaison – noch etwas mehr sein. Aber das fröhliche Gastgeberpaar hat Ideen: Demnächst findet im Löwen ein Event mit dem Weingut CulinaVinum aus Oeschgen AG statt. Sie werden etwas zu ihrem Waidmannsheil (Pinot noir) und der neuen Traubensorte Divico erzählen, ergänzt mit Geschichten der zwei Gastgeber selbst. «Die Menschen wollen etwas erleben», sagt Tanja. Einheimische und Menschen aus der Region machen den Löwenanteil ihrer Gäs­te aus, im Hotel nächtigen vor allem Gäste aus der Schweiz und Europa.

Mit Herzlichkeit auftrumpfen

Was den Städtern die Pop-ups, sind auf dem Land die Besenbeizen. «Mit Besenbeizen habe ich Mühe, denn sie nehmen den Gastronomen etwas weg», sagt Florian. «Da wird mIt zweierlei Mass gemessen. Haben sie dieselben Hygienevorschriften wie wir?» Trotzdem hätten sich sowohl Florian wie auch Tanja keinen an­­deren Beruf vorstellen können. «Mei­ne Grosstante hatte ein Hotel am Tegernsee, auch meine Urgrossmutter bewirtschaftete ein Lokal», erzählt Florian. «So habe ich Hotelfachmann gelernt.»

Er hat später die Hotelfachschule Zürich absolviert, in vielen Betrieben gearbeitet, das Radisson am Flughafen Zürich miteröffnet und war zuletzt Geschäftsführer im Restaurant Seegarten/Park im Grünen in Münchenstein BL. Wenn es in der Küche Hilfe braucht, dann lässt Florian Finanzen, Einkauf und Website sein und unterstützt. Die gelernte Hotelkauffrau Tanja, gebürtig aus Giessen (D), ist seit 1994 in der Schweiz und hat unter anderem im Victoria Jungfrau in Interlaken BE gearbeitet, wo sie einen gewissen Florian kennenlernte. Sie kümmert sich im Löwen auch um das Personelle, die Dekoration und die sozialen Medien.

Aber primär sind sie beide Gastgeber, deren Ziel es ist, Gäste zu Stammgästen zu machen. «Da sollte der erste Satz nicht lauten: ‹Haben Sie reserviert?›», sagt Tanja lachend. Man müsse sich die Namen der Gäste merken und stets mit Herzlichkeit auftrumpfen. Und: «Die Gäste kennen uns inzwischen,  da ist es wichtig, dass wir als Gastgeber vor Ort sind», ergänzt Florian. «Aber eigentlich ist einer von uns beiden immer da.»