Luwam Tekle (29) rutscht auf dem Stuhl hin und her und erzählt von ihrem neuen Job als Schichtleiterin Frühdienst und Ausbildnerin im erst kürzlich eröffneten Hotel Mama Shelter in Zürich Oerlikon. Die gelernte Restaurationsfachfrau strahlt. Neben ihr sitzt Christine Fitzinger (54), ihre ehemalige Ausbildnerin, die Betriebsleiterin, Erwachsenenausbildnerin und Sommelière im Restaurant Riedbach in Zürich ist. Sie lächelt stolz. Die beiden Frauen sind sehr vertraut. Das war nicht immer so.
Blenden wir zurück: Tekle lebt als mittleres von fünf Kindern in einem eritreischen Dorf. Der Vater ist im Militär, die Mutter allein, als Tekle 2010 mit ihrem Onkel über den Sudan nach Italien flieht. Ab da reist sie als unbegleitete Minderjährige (MNA – mineure non accompagnée) allein in die Schweiz und lebt fortan im MNA-Zentrum Lilienberg in Affoltern a. A. Das Zentrum wird von der AOZ (siehe Box unten) geführt, die im Auftrag des Kantons Zürich Standorte betreibt, wo minderjährige Geflüchtete leben und betreut werden.
Sie erinnert sich kaum an Details der Flucht. «Man hat einen schweren Weg hinter sich, ist in einem fremden Land und muss gleich loslegen, da bleibt keine Zeit, um Vergangenes zu verarbeiten», erzählt sie. Sie nimmt am Jugendförderprogramm der AOZ teil, lernt Deutsch, absolviert das zehnte Schuljahr. Das Zusammenleben mit anderen Minderjährigen, die Ähnliches erlebt haben, fühlt sich wie Familie an. Aber wie lernt man Schweiz? Tekle lacht. «Man spürt sehr bald, dass hier niemand auf einen gewartet hat, und weiss nicht, wie man sich verhalten muss, um sich anzupassen. Man beobachtet die Leute, und lernt, dass zu spät kommen nicht okay ist. In Eritrea hat man eine andere Zeitwahrnehmung», sagt sie in perfektem Züridüütsch.
«Die Tekle von damals? Sie hat alles besser gewusst!»
Schliesslich startet sie eine Koch-, dann eine Servicelehre – und scheitert zweimal. Es mangelt an Unterstützung für die Berufsschule. «Flüchtlingen fehlt die Schweizer Allgemeinbildung, man fällt zurück und verliert die Freude.» So absolviert sie den Gastrokurs bei Gastro Kanton Zürich (siehe 3 Fragen auf S. 17) und kommt 2016 via Tasteria (Produktionsküche und Förderprogramm der AOZ) ins Restaurant Riedbach, wo sie unter den Fittichen von Christine Fitzinger die Servicelehre EFZ beginnt.Das Riedbach ist ein Ausbildungsbetrieb, in dem seit 2015 rund 60 Lernende einen EFZ- oder EBA-Abschluss im Service und in der Küche erworben haben.
Aktuell werden zehn Lernende ausgebildet aus diversen Nationen, aktuell viele Afghanen, aber auch Schweizer oder Deutsche mit einer bewegten Jugend. «Wir bieten Jugendlichen, die es allein nicht schaffen, eine begleitete Lehre an», so Fitzinger. Die Österreicherin erinnert sich an eine damals sehr unzuverlässige Luwam Tekle. «Sie hat alles besser gewusst. Sie konnte bereits gut Deutsch und somit klar sagen, wenn ihr etwas nicht passte.» Bei Hochbetrieb habe sie super funktioniert, doch sobald wenig lief, brauchte sie Motivation, um durchzuhalten. «Ich sagte zu ihr: Ich werde Ihnen drei Jahre im Nacken sitzen und Ihnen auf die Nerven gehen!»
Während der Ausbildung sind sie per Sie. «Das ist gut, so passieren weniger Respektlosigkeiten», sagt Tekle. Fitzinger bleibt zu Beginn eher distanziert und geniesst aufgrund ihres Fachwissens grossen Respekt. Macht sie einen Punkt, kommt keine Diskussion auf. «Sie wissen, dass ich mich zu 1000 Prozent für sie einsetze, aber sie müssen auch etwas geben. Unsere Branche ist ein Miteinander, Gastro funktioniert nur im Team.»
Auch im Riedbach ist die Berufsschule ein grosses Thema. Doch hier werden die Lernenden aufgefangen, bevor ein schulischer Abfall passiert, da der Betrieb mit Martin Lange (43) einen ausgebildeten Berufsschullehrer beschäftigt. Er begleitet alle Lernenden bei der Allgemeinbildung von Schweizer Politik über Steuern und Verträge bis hin zu Rechten und Pflichten.
Die Frau mit der endlosen Geduld
Menschen mit Migrationshintergrund sind häufig Einzelkämpfer, es dauert lange, bis sie zu jemandem Vertrauen fassen. Deswegen sind Bezugspersonen wie die Lehrmeisterin enorm wichtig. «Irgendwann merkte auch Tekle, dass es wohl nicht ganz falsch ist, was die Fitzinger sagt», so die Erwachsenenbildnerin. Beide lachen herzhaft. Die Frau hat scheinbar endloses Verständnis und eine Engelsgeduld. Sie verneint. «Ich war früher sehr ungeduldig, denn ich komme aus der Luxusgastronomie.»
Sie hat 14 Jahre bei Daniel Bumann im Chesa Pirani in La Punt GR gearbeitet und war danach Direktorin im Hotel Lej da Staz bei St. Moritz GR. «Ich habe aber immer bemängelt, dass man kaum Zeit hat, die Jugend auszubilden.» Da stiess sie zufällig auf das Riedbach-Inserat und ging ohne Erwartungen an den Job heran. «Damit fahre ich bis heute gut», sagt sie.
Eine Lehre durchzuziehen, braucht Beharrlichkeit. Tekle nickt. «Am Anfang scheinen drei Jahre unendlich lang, aber ich fühlte mich im Riedbach zu Hause!» Es gibt auch kleine Hürden zu nehmen. «Schorle und Schale klingen sehr ähnlich», so Fitzinger. «Ein Coci? Das versteht jemand mit Migrationshintergrund nicht.» Tekle etwa konnte überhaupt nicht mit Geld umgehen. «Erst am Ende der Lehre, als ich Mutter einer Tochter wurde, machte es Klick, da musste ich erwachsen werden.»
In festlicher Stimmung: «Mir hat es sehr geholfen, im Restaurant Riedbach meine Lehre zur Restaurationsfachfrau zu absolvieren», sagt Luwam Tekle (l.). Dabei konnte sie stets auf die Unterstützung von Erwachsenenbildnerin und Geschäftsleiterin Christine Fitzinger (r.) zählen. (Bild: Daniel Winkler)
Der schönste Moment: bestandene Abschlussprüfungen
Die begleitende Ausbildung im Riedbach kostet 5050 Franken pro Monat, inklusive Lehrlingslohn. Getragen werden die Kosten von der Wohngemeinde des Lernenden. Stipendien können je nach Fall beantragt werden. Langfristig ist das Modell für die Gesellschaft günstiger, da Menschen mit Lehrabschluss seltener in der Sozialhilfe landen. Und: Die Lernenden haben einen regulären Lehrvertrag und stehen im ersten Arbeitsmarkt, damit erfahren Flüchtlinge in der Gesellschaft Akzeptanz. «Ausserdem, braucht es eine Ausbildung, mit einem Hilfsarbeiterlohn wird man in Zürich auf Dauer nicht überleben können», ergänzt Fitzinger. Zudem können eine geregelte Arbeit und ein regelmässiges Einkommen unabhängig von der Sozialhilfe machen und so einen direkten Einfluss auf den Aufenthaltsstatus von Geflüchteten haben.
Tekle bestätigt: «Jeder Flüchtling, möchte so schnell wie möglich selbstständig und unabhängig leben.» Sie hat es geschafft, aktuell hat sie die Aufenthaltsbewilligung B. Doch Integration braucht Zeit. Bei ihr passierte dies nach zehn Jahren, als sie 2020 die Ausbildung zur Restaurationsfachfrau EFZ abschloss – als Zweitbeste des Kantons.
Bestandene Abschlussprüfungen sind für Fitzinger stets die schönsten Momente. «Sie kommen als Kinder und gehen als Erwachsene.» Riedbächler können sich nach der Lehre die Jobs aussuchen. Fitzinger unterstützt die Ausgelernten auf Wunsch im Bewerbungsprozess, damit sie gleich eine Anschlusslösung haben. «Ich helfe, die Verträge genau anzuschauen.» Tekle holt sich bis heute gerne ihren Rat, und wenn sie beruflich weiterkommt, denkt sie als Erstes an Christine Fitzinger. So wie letztes Frühjahr, als sie, neben ihrer Arbeit im Restaurant Metropol Zürich, die Ausbildung zur Berufsbildnerin abgeschlossen hat. Wie ihre Lehrmeisterin versucht Tekle, bei ihren Lernenden erst Vertrauen aufzubauen und sie, ob beruflich oder privat, zu unterstützen. «So fühlen sie sich aufgehoben und brechen die Lehre nicht ab», weiss sie aus eigener Erfahrung. «Ich denke oft an Christine und daran, wie sie es gemacht hat.» Darauf stossen die zwei Frauen mit einem Glas Rotwein an.
Gastronomie und Integration passen perfekt zusammen
Das Restaurant Riedbach (100 Plätze innen, 80 aussen) muss selbsttragend funktionieren – eine Herausforderung. «Wir machen zusätzlich Catering, beliefern täglich das Züriwerk-Atelier mit Mittagessen und ab Januar eine Schule», so die Betriebsleiterin. «Diese Aufträge brauchen wir wirtschaftlich. Und es muss etwas laufen, damit die Leute beschäftigt sind.» Mittags sind sie stets voll gebucht, am Abend zu 30 Prozent. Gemäss Bildungsplan bieten sie klassische Schweizer Küche an, plus Lernendenmenüs mit internationalen Einflüssen.
Gastronomie ist für die Integration prädestiniert. Erstens fehlen Fachkräfte, und laut Fitzinger ist das (Be-)dienen für die meisten jungen Leute mit Migrationshintergrund normal, da sie oft aus Grossfamilien oder Ländern stammten, wo dies zur Alltagskultur gehöre. Sie geben den Gästen viel – vielleicht auch, um etwas Menschliches zurückzubekommen. Und sie bleiben der Branche erhalten. «Fachkräfte wie Tekle, die ihren Beruf leben, stechen heraus und werden Erfolg haben», fügt Fitzinger an. Tekle freut sich, wenn der Gast ihren Rat annimmt und sich dafür bedankt. «Davon leben wir, Komplimente sind schön und eine Bestätigung, Gastronomie ist eine Herzenssache!» So wie Weihnachten. Fitzinger wird sie bei ihrer Familie in Österreich verbringen. Und Tekle feiert zweimal: einmal mit Freunden und Raclette, und dann wird ihre Mama in die Schweiz kommen. Die Eltern leben nun in Italien. So feiert sie am 7. Januar die christlich-orthodoxe Weihnacht mit eritreischen Spezialitäten und traditionellen Kleidern. Auch wenn Tekle in der Schweiz angekommen ist, ein Stück Eritrea bleibt immer in ihr.
Für die Zukunft hat sie noch manche Idee. Sie würde gerne die BMS machen, aber als Alleinerziehende sei es schwierig. Sie überlegt, eventuell das G1 und das G2 zu absolvieren, um später in die Geschäftsführung oder ins HR einzusteigen. «Aber nur in einen Job, in dem ich weiterhin unter Leuten sein kann», sagt sie. «Die Gastronomie ist einfach meine Passion!»
Ramona Schmid leitet seit 2024 die Abteilung Bildung bei Gastro Zürich Kanton. (Bild: Corinne Nusskern)
Drei Fragen an: Ramona Schmid (43), Leiterin Bildung bei Gastro Kanton Zürich
Wie profitieren Geflüchtete vom Gastrokurs?
Sie werden gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und lernen Sozialkompetenzen wie Zuverlässigkeit. In einigen Kulturen ist Pünktlichkeit normal, in anderen nicht. Die einen haben hier ein Handicap, das man eher gewichten muss, die anderen woanders. Es ist einmal rund um die Welt. Das ist auch das Spannende. Mit der praxisorientierten Theorie bekommen aber alle einen 360-Grad-Blick, was Gastronomie ausmacht - und dank des Zertifikats werden sie einfacher vermittelt.
Ist Integration nicht auch dazu prädestiniert, den Fachkräftemangel abzufedern?
Absolut, die Gastronomie ist international! Es ist für die ganze Branche wichtig, offener zu werden und diese Menschen anzustellen. Denn auch sie gehören zur Zukunft der Branche. Wer Menschen mag, kann in der Gastronomie schnell aufsteigen, es gibt auch bei uns Tellerwäscherkarrieren. Der Gastrokurs ist ein Projekt, das sehr gut gegen den Fachkräftemangel zielt, davon gerne mehr!
Worauf sollten Betriebe im Umgang mit geflüchteten Menschen achten?
Das Potenzial der Menschen erkennen und ihnen eine Chance geben. Hilfreich kann es sein, ihnen Schulungen und Weiterbildungen wie Progresso-Lehrgänge zu ermöglichen. Gerade bezüglich Fachkräftemangel ist so langfristig Stabilität möglich. Wertvoll ist eine Begleitung, die ihnen den Einstieg erleichtert – unabhängig davon, ob eine Ausbildung vorhanden ist. Unterstützung bei Dokumenten und ein respektvoller Umgang tragen dazu bei, dass sie sich im Betrieb entwickeln können.