«Die Ausbildung von Lernenden erfordert viel Herzblut»

Oliver Borner – 25. Juni 2026
Der Hotelbetrieb Bad Bubendorf in der Nähe von Liestal BL gilt als Vorzeigebetrieb bei der Suche nach Lernenden. Direktor Martin Sonderegger erzählt im Interview mit dem GastroJournal, wie man Lernende findet und was es braucht, um sie in der Branche zu halten.

Martin Sonderegger, das Bad Bubendorf gilt über die Kantonsgrenzen hinaus als der Lehrbetrieb schlechthin. Wie viele Lernende beschäftigt ihr aktuell?
Martin Sonderegger: Insgesamt sind bei uns im Haus aktuell 17 Lernende tätig. Wir versuchen immer pro Lehrjahr und Lehrgang jeweils eine Lernende oder einen Lernenden anzustellen.

 

Wie viele Bewerbungen erhält der Betrieb pro Jahr?
Das ist natürlich von Lehrgang zu Lehrgang unterschiedlich. Wir bilden in den vier Lehrgängen Hotelkommunikation, Hauswirtschaft, Küche und Service Lernende aus. In den letzten Jahren ist das Interesse im Lehrgang Hotelkommunikation förmlich explodiert. Für diese Lehrstellen erhalten wir pro Jahr mindestens 40 bis 45 Bewerbungen. Im Service sind es zwischen 10 bis 15, in der Küche 15 bis 20 Bewerbungen. Schwieriger ist es im Bereich Hauswirtschaft, allerdings verzeichnen wir auch da immer gegen zehn Bewerbungen pro Jahr.

 

Wow, du kannst dir deine Lernenden damit praktisch aussuchen.
Das ist tatsächlich so, ja. Und das machen wir auch dementsprechend.

 

Erkläre!
Wir laden in der Regel alle, die sich für eine Lehrstelle bewerben, zum Schnuppern ein. Dann können wir feststellen, wer sich wirklich für die Stelle interessiert und wer nur zum Schnuppern kommen wollte, weil er von der Schule aus musste. Diejenigen, die wir als geeignet halten, müssen sich nochmals bei uns bewerben und werden dann für eine zweite Runde eingeladen, bei der sie einen tieferen Einblick in den jeweiligen Beruf erhalten.

 

Das klingt nach viel Aufwand.
Ist es auch. Wir haben jede Woche für drei Tage eine/n bis zwei Schnuppernde/n im Haus. Früher waren sie noch fünf Tage bei uns, mittlerweile geht das wegen der Anzahl an Bewerbungen nicht mehr. Die Schnuppernden müssen schliesslich gut betreut und beurteilt werden. Aber der Aufwand lohnt sich: So können wir die besten und motiviertesten Bewerberinnen und Bewerber aussuchen. Es ist wie ein Casting.

 

Wie erlebst du die Lernenden in deinem Betrieb?
Die Lernenden sind sehr motiviert. Die Allermeisten wissen von Anfang an, was sie erwartet. Die sind sich bewusst, dass sie am Abend und an den Wochenenden arbeiten müssen und dass die Arbeit mitunter anstrengend ist. Die Lernenden haben Spass an der Arbeit, und das lassen sie mich auch wissen.

 

Du bekommst regelmässig Feedback?
In der Tat, ja. Sowohl positiv als auch negativ, inklusive Verbesserungsvorschläge. Die heutige Generation sitzt nicht aufs Maul, sondern fragt nach, wenn etwas unklar ist, hinterfragt Entscheide und bringt gleichzeitig Ideen ein. Das finde ich sehr spannend und bereichernd.

 

Was sagst du zum Vorurteil der arbeitsfaulen Generation Z?
Absoluter Blödsinn, zumindest im Gastgewerbe. Denn, wie bereits erwähnt, die jungen Menschen wissen, was auf sie zukommt, wenn sie eine Lehre im Gastgewerbe antreten. Sie wollen arbeiten und etwas erreichen. Sie sind einfach anders als ihre Vorgängergenerationen.

 

Inwiefern?
Sie bringen Dynamik in den Betrieb. Sie sind weltoffen und gut vernetzt. Dadurch sind sie auch immer darüber informiert, was in anderen Betrieben läuft oder wie die arbeiten. So kommen sie regelmässig mit Ideen auf mich zu, wie wir unsere Abläufe optimieren oder neue Sachen ausprobieren können. Letztes Jahr brachten sie sich beispielsweise bei der Planung der neuen Karte fürs Gartenrestaurant ein. Das bringt immer wieder neuen Schwung rein und hilft dem Betrieb, sich langfristig weiterzuentwickeln.

Bad Bubendorf 003 20260513

Den Lernenden eine Perspektive bieten: Eine der zentralen Punkte, um Lernende zu motivieren und nach der Lehre an den Betrieb zu binden. Im Bad Bubendorf ist das Bestandteil der Firmenphilosophie. (Bild: Daniel Winkler)

Der Blick auf eure Lehrstellen ist beeindruckend. Bereits seit Anfang 2026 sind alle Lehrstellen besetzt, wer bei euch eine Lehre machen will, kann sich 2027 wieder bewerben. Wie erreicht ihr, dass stets alle Lehrstellen bereits so früh besetzt sind?
Das hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens gibt es, schweizweit und auch im Kanton Baselland, immer weniger Ausbildungsbetriebe. Zweitens liegt es in der Philosophie der Balance Familie, dass sie junge Menschen ausbilden wollen und dies mit Herzblut tun. Insgesamt bildet sie an sechs Standorten jedes Jahr mehr als 70 Lernende aus.

 

Wie sucht ihr, trotz bereits grossem Interesse, Lernende?
Das Bad Bubendorf ist im Verbund der Balance Familie jedes Jahr an der grossen Lernendenbörse in Basel anwesend. Dort stellen wir unsere Berufe vor und zeigen den Weg, den man innerhalb des Unternehmens gehen kann. Zudem bieten wir denjenigen, die bei uns keine Lehrstelle finden, die Chance, in einem anderen Betrieb der Balance Familie eine Lehrstelle zu finden.

 

Wie helfen Kampagnen wie Avanti, Talent Table oder der Pro Gastro Fonds von Feldschlösschen euch und der Branche, Lernende zu finden?
Diese Kampagnen sind sehr wichtig für die Lernendensuche. Es rückt die Berufe ins Scheinwerferlicht und gibt ihnen Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist es ein wichtiges Zeichen für diejenigen, die bereits in der Branche arbeiten. Sie können ihren Berufsstolz zeigen und diesen an die Lernenden weitergeben.

 

Was macht deinen Betrieb für Lernende attraktiv?
Wir sind in der Peripherie von Basel, was vor allem für jene attraktiv ist, die ihre Lehre nicht in der Stadt absolvieren wollen. Der Betrieb ist sehr gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar. Die Lernenden sind dadurch sehr mobil und benötigen kein Auto, um bei uns zu arbeiten. Zudem haben wir viele junge Führungskräfte im Betrieb. Dadurch ist der Altersunterschied zu den Lernenden nicht allzu gross, wodurch die Führungskräfte nahbarer sind.

 

Welche Vorteile haben Lernende, die bei euch im Betrieb arbeiten?
Sie bekommen das ÖV-Abo und jegliche schulischen Unterlagen von uns bezahlt. Wenn sie gute schulische Leistungen erbringen, erhalten sie zudem einen finanziellen Bonus in Form eines Monatslohns. Zudem beteiligen wir uns an den Kosten für Sprachaufenthalte während der Lehre. Gleichzeitig profitieren sie vom betrieblichen Netzwerk innerhalb der Balance Familie. Es gibt regelmässig gemeinsame Tage für alle Lernenden aus den sechs Betrieben, was den Austausch untereinander und das Zugehörigkeitsgefühl stärkt.

 

Die Suche nach Lernenden stellt das Bad Bubendorf vor keine grossen Probleme. Welche Herausforderungen gibt es als Betrieb im Umgang mit den Lernenden?
Der Anfang einer Lehre ist immer anspruchsvoll. Die Lernenden kommen frisch von der Schule in einen Betrieb und müssen sich zuerst an die Abläufe im Betrieb gewöhnen. Ich sage immer, dass sie bei uns fürs Leben laufen lernen. Daneben sind die Eltern zunehmend eine Herausforderung. Viele wollen ihr Kind, manchmal zurecht, während der Lehre schützen. Dabei geht es um Arbeitszeiten, Aufwand oder schulische Themen. Das erfordert ab und zu  klärende Gespräche.

 

Viele Betriebe haben Probleme, Lernende zu finden. Woran liegt das?
Das hat aus meiner Sicht mehrere Gründe: Zentral ist für mich aber, dass ein Lernender oder eine Lernende in einem Betrieb eine Perspektive haben muss. Man muss als Ausbildungsbetrieb klar aufzeigen können, welche Entwicklungsmöglichkeiten es während und nach der Lehre gibt und Benefits, zum Beispiel die Möglichkeit, nach der Lehre im Betrieb zu bleiben, hervorheben. Wenn das fehlt, wird es schwierig, jemanden für eine Lehre in seinem Betrieb zu begeistern.

 

Welche Tipps gibst du Betrieben, die sich bei der Suche nach Lernenden schwertun?
Man muss mit Herzblut hinter der Ausbildung von Lernenden stehen. Denn die Ausbildung und Betreuung eines Lernenden erfordern viel Zeit. Man kann das nicht einfach so nebenbei machen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, sich selbst zu reflektieren und sich zu fragen, ob man überhaupt (noch) die Zeit, die Infrastruktur und das Personal hat, um Lernende auszubilden. Gleichzeitig muss man sich öffentlich, zum Beispiel an Messen, zeigen und proaktiv Werbung für die Lehrstellen im Betrieb machen. Dabei ist es aus meiner Sicht essenziell, dass die Lernenden von Anfang an einen Leitfaden für ihre Lehre erhalten, damit sie sehen, was sie erwartet und welche Perspektiven sie während und nach der Lehre haben.