In diesem Wohnviertel mit vielen Einfamilien- und einigen Bauernhäusern am Dorfrand von Neuenhof AG würde kaum jemand eine Brauerei vermuten. Doch an der Dorfstrasse 40 befindet sich im einstigen Weinkeller von Christian Voser tatsächlich ein Sudhaus, in Bern als Brauerei Nr. 606 registriert.
Das ist der Arbeitsort von Jan (38) und seinem Vater Luc (66) Van Loon. «Wir produzieren jährlich gut 20 000 Liter und haben in diesem Raum eine Maximalkapazität von 32 000 Litern», erklärt Geschäftsführer und Bierbrauer Jan, dessen Nachname seine belgischen Wurzeln verrät. Belgien ist für viele in Sachen Bier noch immer das Mass aller Dinge, dank der vielfältigen Bierkultur und der beeindruckenden Bandbreite an Bierstilen.
Biere, die sich von der Masse abheben
Jan Van Loon schloss eine Lehre als Polymechaniker ab und entschied sich danach für das berufsbegleitende Studium als Maschinenbauingenieur. Er teilt mit seinem Vater und Firmengründer (zusammen mit dem Australier Christopher Chen) die Leidenschaft für ausgewogene, aromatische Bier, die sich von der Masse abheben. Bierbrauen ist seit Juli 2022 Jans Hauptberuf.
Heute ist Chen + Van Loon mit seinen zehn verschiedenen Bieren, eines jeweils saisonal, ein klassischer Familienbetrieb. Jan bezeichnet sich als «Mädchen für alles». Seine Mutter kümmert sich um die Buchhaltung, seine Freundin um den grafischen Auftritt, beispielsweise auf den Flyern.
Der edle Gerstensaft aus Neuenhof wird an Private ab Rampe oder im Onlineshop verkauft, via Zwischenhandel (Spezialitätenläden) oder direkt an die Gastronomie. «Wir bewegen uns im Hochpreissegment und müssen die richtigen Gastronomen finden, die unsere Biere auf die Karte aufnehmen möchten. Wir sind kein Ersatz für Produkte von Feldschlösschen oder Quöllfrisch», betont Jan Van Loon. Er sehe seine Nische in der gehobenen Gastronomie. «Wir produzieren ein komplexes Genussbier, ausgewogen und harmonisch. Wir haben keine Biere mit Ecken und Kanten oder solche, die möglichst bitter sein sollen», beschreibt der Brauer sein Produkt. Es soll ein Bier sein, das einen Wow-Effekt auslöst, egal ob hell und fruchtig oder kräftig und dunkel mit Schoggi-Kaffeearomatik. Die Biere von Chen + Van Loon seien als Essensbegleiter gedacht und nicht als Durstlöscher. «Das ist ein falscher Ruf, der dem Bier nacheilt.»
Die Aargauer Brauerei muss sich auf die Qualität konzentrieren, denn die Konkurrenz ist gross. Seit der Aufhebung des Bierkartells hat sich die Zahl der Mikrobrauereien in der Schweiz von gut 300 im Jahr 2010 verdreifacht; die Schweiz hat die höchste Brauereidichte in Europa, mit gegen 140 Betrieben pro einer Million Einwohner.
Am 31. Oktober wird sich im Hirschen in Erlinsbach AG um 19 Uhr zeigen, wie gut die hochwertigen Biere zu abgestimmten Gerichten aus der Hirschenküche passen – anlässlich eines «Bier&Dine». International sorgte das Getränk aus Wasser, Hopfen, Malz und Hefe bereits für Furore: Für die «Finest Beer Selection» im deutschen Neustadt an der Weinstrasse reichte Chen Van Loon neun Biere ein. Sechs davon erhielten nach einer Blindverkostung 90 und mehr Punkte, zwei Biere sogar 95 Punkte.
Die Biere im GastroJournal-Test
Das GastroJournal degustierte das strohgelbe Vigneron Cuvée du Patron, das 2025 stolze 95 Punkte erhielt und in 33- oder 75-Zentiliter-Flaschen erhältlich ist: Die Nase begeistert dank dem Hopfen aus Neuseeland mit Noten von Holunder, erinnert deshalb an einen Sauvignon blanc, naturtrüb, 6,2 Prozent Alkohol, 17 Punkte. «Dieses Bier passt zu einem Süsswasserfisch oder einem Gemüserisotto. Wir haben daraus sogar ein Sorbet machen lassen», verrät Jan Van Loon. Zweiter Test: ein Black Ale mit 7,5 Prozent Alkohol. Dieses animierende, kräftige Bier überzeugt mit Noten von überreifen Bananen, Milchschokolade und Kaffee, 18 Punkte. Der Brauer empfiehlt es zu Schoggimousse, Vanilleglace oder selbst zu einem Angus-Beefburger. «Beim Black Ale spielt das Malz eine entscheidende Rolle, während es beim Vigneron der Hopfen ist», erläutert er.
«Bier ist ein eher besserer Essensbegleiter als Wein, zumindest ist die Begleitung mit Bier einfacher, da es sich durch seine grosse Vielfalt gezielter auf Speisen abstimmen lässt», sagt der Unternehmer. Er unterstreicht das mit einer Erfahrung: An einem Genussabend im Kongresszentrum Trafo in Baden AG nahmen gut 100 Personen teil. Ein Weinakademiker meinte, zum Hauptgang – einem im Amarone sous-vide gegarten Schweinebauch mit geräuchertem Süsskartoffelpüree und grillierten Spargeln – hätte er keine Ahnung, welchen Wein er einsetzen würde. «Unser Amber Ale hat hingegen hervorragend gepasst», resümiert Van Loon. Bier eigne sich auch zum Kochen. «In Belgien wird der traditionelle Siedfleischeintopf mit Bier zubereitet. Meine Vision ist ein Kochbuch mit entsprechenden Rezepten», sagt der Brauer. Auf seinen Bieren steht jeweils «Beer handcrafted by Winemakers».
Vater Luc Van Loon bewirtschaftet einen Rebberg in Böttstein AG. Und deshalb sind im Laden neben den Bieren auch fünf verschiedene Weine erhältlich.
Das Sortiment von Chen + Van Loon besteht aus rund einem Dutzend verschiedener Biere – und fünf verschiedenen Weinen. (Foto: ZVG)
Die häufigsten Fehler im Umgang mit Bier
- Bier als Durstlöscher betrachten: Bier ist weit mehr. Es hat eine riesige Palette an verschiedenen Aromen. Deshalb lohnt es sich, Bier als Essensbegleiter einzusetzen und bewusst zu geniessen.
- Bier aus der Flasche trinken: Wenn das Bier aus der Flasche getrunken wird, entgeht dem Konsumenten die nasale Komponente. Es gibt sehr viele Biere, die wunderbar riechen durch die eingesetzten Aromahopfen oder die verwendeten Gewürze. Aber auch die Hefe und das eingesetzte Malz bringen Aromen ins Bier, die durch die Nase aufgenommen werden. Nur die Kombination aus riechen und schmecken macht das Genusserlebnis komplett.
- Falsche Lagerung: Bier hat es gerne kühl und dunkel, daher sollte es vor warmen Temperaturen und UV-
Einstrahlung geschützt gelagert werden. Durch eine falsche Lagerung entstehen Fehlaromen im Bier, die es ungeniessbar machen können (sogar vor Verfall des angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatums). - Falsche Ausschanktemperatur: Ein gutes Bier sollte zwar kühl serviert werden, aber nicht jede Biersorte hat es gerne eiskalt! Helle, leichte Biere mögen vier bis acht Grad Celsius, dunkle und kräftige Biere tendenziell eher bis zwölf.
Vom 13. bis 14. September findet zum achten Mal die WM der Biersommeliers statt – in München.
GastroSuisse führt ab dem 7. Oktober die nächste Ausbildung zum Schweizer Biersommelier durch: www.gastrosuisse.ch/de/bildung/seminare/schweizer-bier-sommelier-sommeliere