«Als Vorbilder sollten wir den Nachwuchs ­inspirieren»

Reto E. Wild – 27. August 2026
10 Spitzenköche mit 23 Michelin-Sternen, 11 Winzer, 10 Genussexperten: Die 20. Ausgabe des Gourmetfestivals «Europas Beste» auf der MS «Europa» im Hamburger Hafen stellt einen neuen Sternerekord auf. Ebenfalls an Bord ist Tanja Grandits. Das GastroJournal hat die beste Köchin der Schweiz über ihr Sommergericht, den Branchennachwuchs und die Herausforderungen befragt.
Europas Beste

Sie stossen mit Rosé-Champagner auf ihren erfolgreichen Auftritt an Bord an: Tanja Grandits und Nicolai Wiedmer. (Bild: Reto Wild)

Tanja Grandits, was bedeutet dir als beste Köchin der Schweiz mit zwei Michelin-Sternen und 19 GaultMillau-Punkten die Teilnahme bei «Europas Beste»?
Tanja Grandits: Es ist ein grossartiger Anlass mit einer tollen Location an Bord der MS «Europa». Ich habe mich sehr darauf gefreut – auch so viele Kollegen zu treffen.

 

Wie es zur Teilnahme gekommen?
Nun, ich nahm ja schon zweimal teil, allerdings war das vor ein paar Jahren. Ich erhielt Anfang dieses Jahres eine Anfrage aus Hamburg, und weil es ein schöner Anlass ist, habe ich gerne zugesagt. Ich weiss, dass logistisch alles super funktioniert. Ich kann bei uns im Restaurant das Gericht vorbereiten. Und einen Tag vor der Veranstaltung wird es mit dem Lastwagen abgeholt. 

 

Was hast du ausgewählt?
Ich habe mich für ein weisses Gericht entschieden: eine Jakobsmuschel mit Blumenkohl in verschiedenen Texturen an einer Mandelhollandaise. Es ist frisch und spritzig, ein raffiniertes, cremiges Sommergericht, das zur Jahreszeit passt.

 

Wie hast du dich auf den Anlass im Hafen von Hamburg vorbereitet?
Ich habe mir überlegt, was sich gut umsetzen lässt und nicht zu aufwendig ist. Wie können wir zu zweit Hunderte von kleinen Gängen schicken, ohne dass die Gäste lange anstehen müssen? Und deshalb bin ich mit Nicolai Wiedmer angereist, der vor über zehn Jahren bei uns die Lehre absolvierte und längst seinen eigenen Weg gegangen ist. Er erreichte bereits 2018 seinen ersten Michelin-Stern in Grenzach-Wyhlen. Auf ihn kann ich mich verlassen. Wir sind noch immer gut befreundet.

 

Du sprichst jeweils mit einer riesigen Begeisterung über deine ehemaligen Nachwuchskräfte.
Es ist tatsächlich eine riesige Freude für mich, wenn ich sehe, wie weit sie es gebracht haben. Ich denke an André Kneubühler, Tom Walter, an Noémi Bernard, die nun im Sternen Walchwil ZG arbeitet. Oder kürzlich war ich im Alpenhof im Appenzellerland essen, wo Laura Röösli zusammen mit ihrem Partner für eine wunderbare Küche sorgt. Es ist schon beeindruckend, was sie direkt nach der Lehre umgesetzt hat. Dabei geht es nicht nur ums Handwerk, sondern auch, wie man es als Vorgesetzte macht. Wie man seine Mitarbeitenden motiviert. Es geht um das Soziale und das Zwischenmenschliche.

 

Der Nachwuchs ist dir wichtig.
Das ist so, die Frauen ganz besonders. Ich bin im Stiftungsrat der Fundaziun Uccelin. Das ist so eine tolle Aufgabe. Und das Thema ist unglaublich wichtig. Als Vorbilder sollten wir den Nachwuchs inspirieren, damit er später seinen eigenen Weg gehen kann. Das geht nur, wenn man sich selbstständig macht. Ich ermutige die jungen Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Auch Elena Lachenmaier, die Souschefin im Concordia, gehört zu diesen besonderen Menschen, die kreativ ihren eigenen Weg gegangen sind. Sie alle haben den Weitblick, das Gefühl fürs Essen und schöne Dinge. Das ist echt wahnsinnig toll. Das ist kreatives Gastgebertum, was mich mit Stolz erfüllt.

 

Reden wir über deinen Betrieb. Das Restaurant Stucki soll im November 2027 wiedereröffnet werden und ist bis Ende September 2026 ausschliesslich abends, ausser am Samstag mittags und abends, geöffnet. Ab Oktober 2026 bleibt das Restaurant aufgrund der Teilsanierung und des Erweiterungsbaus geschlossen. Hat sich an diesem Fahrplan etwas geändert?
Nein. Es läuft alles wunderbar nach Plan mit der Baustelle. Wir haben nun hinter dem Haus eine riesige Grube und können dennoch weiterarbeiten, selbst die Terrasse benützen. Ab Januar 2027 sind wir dann für zehn Monate im ehemaligen Roots.

 

Wie entwickelt sich das zweite Restaurant, der Schlüssel in Oberwil BL, der von Bauarbeiten nicht betroffen ist?
Den Schlüssel eröffneten wir am 18. September 2025. Er ist ein wunderbarer Ort geworden, mit dem tollen Gastgeber Edi Magalhães und dem tollen Küchenchef Marten Harder. Das Team ist unglaublich motiviert. Ich bin sehr glücklich mit der Besetzung. Meine einzige Aufgabe ist es, einmal pro Woche an einem Meeting da zu sein und die Menüs zu schreiben. Und sonntags bin ich oft mit meiner Tochter zu Gast. Der Schlüssel ist für mich wie eine Familie. Die Desserts sind ebenfalls köstlich.

 

Was bestellst du?
Immer das Gleiche: eine tolle vegetarische Vorspeise, gefolgt von einem Krustentiersüppchen mit Tomatenkompott und zum Hauptgang Alpenzander. Wenn ich à la carte neu gestalte, wähle ich immer das aus, was mir als Beilage zum Zander am besten schmeckt … Wir erhalten schöne Feedbacks, dass man sich im Schlüssel wie im Wohnzimmer bei mir zu Hause fühlt.

 

Im Zusammenhang mit der Renovation des Stucki wurden mit 50 Mitarbeitenden Gespräche geführt. Wie viele davon bleiben an Bord?
Zusammen mit dem Schlüssel beschäftigen wir rund 60 Personen. Unsere Lernenden werden im Schlüssel weiterarbeiten. Zudem verfolgen wir verschiedene Projekte an verschiedenen Orten. Manche Mitarbeitende nutzen die Zeit zum Reisen, mein Souschef Manuel Engel geht beispielsweise auf eine Weltreise. Die meisten aber konnten wir behalten.

 

Ein Bestandteil der Projekte ist ein Laden.
Genau. Wir verkaufen unsere Produkte wie im Bruderholz, etwa geröstete Nüsse, Schokoladenprodukte und generell unfassbar viele eigene Produkte. Erhältlich sind schöne Dinge für den Alltag in der Küche und zum Wohnen, etwa Tischdecken, Schneidebretter, Schürzen und Gläser. Wir sind wie ein Haushaltwarenladen. 

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Und gleich noch eine Vertretung aus der Schweiz: Florian Pfeifer (links) und Marcel Skibba glänzen mit ihrer Kalbsbrust. (Bild: Reto Wild)

Was steht bei dir während der Umbauzeit im Vordergrund: Umbau, Team, Küche oder Konzept?
Das alles. Und nebenbei kommt es zu einem neuen Kochbuch, das sich inhaltlich übers ganze Jahr erstreckt, mit viel Gemüse und noch mehr Tipps und Tricks, wie etwas einfacher zuzubereiten ist. Ich habe heute erfahren, dass «Tanja vegetarisch» das erste Kochbuch ist, das in Blindenschrift erschienen ist. Die Gäste haben offensichtlich Freude an meinen Büchern. Manche kommen mit Dutzenden von Post-it-Haftnotizen und fragen danach, ob ich das Buch signieren könne. Sie sagen, sie hätten ein anderes Verhältnis zum Kochen gekriegt. Das macht mich so glücklich.

 

Was sind deine grössten Herausforderungen für die Zeit von Oktober 2026 bis November 2027?
Wir haben verschiedene Herausforderungen: dass wir genügend Arbeit im Laden haben und wir richtig kommunizieren, dass es während der Umbauphase im Roots weitergeht. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Kunden im Stucki reserviert haben und dann im Schlüssel aufgetaucht sind, weil sie dachten, wir hätten das Stucki schon geschlossen. Im Oktober werden wir dann das ganze Haus im Stucki leer räumen. Das wird ein logistischer Grosseinsatz. Und unser dritter Standort ist unsere Produktion und Bäckerei in Dornach SO, wo unser Brot für den Schlüssel und bis Ende September fürs Restaurant Stucki gebacken wird.

 

Wie gehst du mit Kultur und Motivation um, wenn der Vorzeigebetrieb pausiert?
Ich konzentriere mich auf das, was ich im Moment mache. Ich freue mich jetzt schon, wenn es wieder aufgeht. Ich realisiere, wie mir der Ort fehlen wird. Ich wohne nun schon seit 18 Jahren im Gebäude des Stucki und muss nun ausziehen, weil im Keller saniert und Wasser und Strom abgestellt wird. Das macht mich wehmütig, weil ein grosser Teil meines Lebens mit diesem Ort verbunden ist. Gleichzeitig freue ich mich über 18 Jahre Konstanz mit den gleichen Mitarbeitenden wie meiner Assistentin, dem Chef Patisserie, dem Souschef und, und, und.

 

Jetzt kommt es zu einem kurzen Unterbruch. 
Ja, eigentlich freue ich mich auch auf diese kleine Unterbrechung. Ich bin nun 55 Jahre alt und habe nicht im Sinn, aufzuhören. Ich übe meinen Beruf aus, solange mir das Spass macht. Ich habe 1000 Ideen, was ich noch kochen und kreieren möchte. Deshalb ist so ein Neustart gar nicht schlecht.

 

Was würdest du ändern, ohne Budget- oder Zeitdruck?
Nix. Ich bin sehr happy mit allem, wie es ist. Wandel ist sowieso die einzige Beständigkeit. Bei mir gab es nie eine Menükreation zweimal. Ich konnte nun 18 Jahre kreieren. Dafür bin ich extrem dankbar.