Der wichtigste Anlass zum Thema Schweizer Wein findet seit Jahren Ende August 2026 im Kunsthaus Zürich statt. Das zweitägige Programm wird jedes Jahr noch besser: Am 30. August zeigte beispielsweise Jean-Pierre Pellegrin aus Peissy GE mit seinem Flaggschiff Grand Cour in einer Vertikaldegustation der Jahrgänge 2023 bis 2006, dass die Cuvée aus Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon fast mit jedem Jahrgang Weltklasseniveau erreicht – und selbst der Jahrgang 2006 viel Trinkvergnügen ohne Alterungsnoten bereitet (das GastroJournal wird in ein paar Wochen vertieft auf diesen Anlass eingehen). Über 1300 Besucherinnen und Besucher interessierten sich an beiden Tagen für die Weinkunst im Kunsthaus.
Frühe Rebenernte
Die besten Schweizer Weine des Jahrgangs 2016, die «Vintage Award Selektion», unterstrich ebenfalls das grossartige Lagerpotenzial von Schweizer Weinen. Wer gerne kräftige Tropfen mag, kann sich zudem über die Klimaerwärmung freuen, denn die Jahrgänge 2015, 2018, 2019, 2020, 2022, 2023 und 2025 sorgen alle für Opulenz.
Der Jahrgang 2026 wird sich diesem Reigen anschliessen, wie Top-Winzer Roland Lampert vom Weingut Heidelberg in Maienfeld GR sagt: «Wir starteten unsere Ernte am 1. September. Im Norden der Schweiz werden die Trauben mit ihren extrem hohen Reifegraden vollmundige, schwere Weine hervorbringen. Das mögen die meisten Konsumenten. 2026 wird allerdings kein guter Pinot-Noir-Jahrgang, weil die Sorte kühlere Jahre bevorzugt.»
Bei Olivier Mounir aus Salgesch VS startete die Lese bereits am 24. August. «2026 wird klein, aber fein», prognostiziert der Winzer der Cave du Rhodan. Die Herausforderung bestehe darin, den richtigen Erntezeitpunkt zu erwischen. «Es braucht die Balance zwischen Säure und Alkohol oder genügend reifen Früchte, aber nicht zu alkoholisch.»
Warmer Sommer - guter Wein
Besonders angetan vom aktuellen Jahrgang ist Jürg Hügin von der Cantine Stucky-Hügin in Gambarogno TI. «Bei uns im Sopraceneri sieht es super aus. Es war sehr trocken und warm, ohne Hagel. Wir reden von einem Jahrhundertjahrgang. Die Trauben reifen rund eine Woche früher. Jetzt profitieren wir davon, dass es tagsüber 30 Grad wird und nachts weniger als 20 Grad. Dieser Temperaturunterschied sorgt für eine zusätzliche Aromatik.» Die Erträge dürften etwas kleiner ausfallen, weil die Trockenheit zu kleineren Trauben führte. «Dafür ist die Aromatik umso besser.»
Erst am 14. September startet Clos du Rocher aus dem AOC Chablais mit der Ernte seiner Chasselas, die zu den besten der Welt gehören. «Die Trauben sind schon süss, haben aber noch nicht viel Geschmack», sagt Önologe Léonard Pfister, der für das Weingut Obrist arbeitet. Er erwartet genauso ein starkes 2026.
Der Weinjahrgang 2026 wird wohl grenzüberschreitend gross werden. Winzer Philipp Wöhrwag vom Weingut Müller-Ruprecht in der Pfalz, der dynamischsten Weinregion Deutschlands, startete bereits am 17. August mit der Weinlese der Sekttrauben Weissburgunder und Chardonnay. Der Zeitpunkt sei extrem früh. Trockene Jahre würden allerdings nicht so viel Ertrag bringen. Wöhrwag steht vor der gleichen Herausforderung wie Mounir: «Mit der Wärme geht der Fruchtzucker enorm schnell hoch. Wir aber möchten leichte und frische Weine produzieren und ernten deshalb so früh. Die Säure wird dieses Jahr niedrig sein.» Die Trauben würden sich alle kerngesund zeigen. Als Winzer müsse er mit dieser neuen Klimarealität dazu lernen, früher ernten und so hohe Qualität erzeugen. Prost auf den Jahrgang 2026!