Die Weinregion Rioja mit rund 600 Weingütern und 14 000 Winzern in 144 Gemeinden im Norden Spaniens feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen als anerkannte Herkunftsbezeichnung und exportiert inzwischen in 136 Länder. Heute ist Rioja die umsatzstärkste Weinregion Spaniens und eine der weltweit wichtigsten Weinreferenzen. Rund 20 Schweizer Weinhändler begehen das Jubiläum 100 Jahre Rioja in diesen Wochen mit speziellen Promotionen.
«Der Schweizer Markt war immer ein wichtiger Partner auf unserer Reise. Wir haben eine starke Bindung und Freundschaft», betont Javier Ruiz de Galarreta, Präsident und CEO der Weinorganisation Araex. Heute zeigt sich Rioja, bis anhin berühmt für ihre Tempranillos, vielfältiger denn je: mit charaktervollen Weissweinen und einer wachsenden Zahl reinsortiger Garnachas.
«Die Weissweine sind im Trend»
David Schwarwälder, der in Spanien und im Elsass lebende Spezialist für iberische Weine, sagt bei der Feier im Park Hyatt in Zürich: «Mir fällt kein einziges Weingebiet ein, das in einer solchen Stilvielfalt wie Rioja arbeitet. Die enorme Bewegung hat die junge Generation angestossen. Die Weissweine sind im Trend. Nirgendwo wurden in so kurzer Zeit so viele hochstehende Weine hervorgebracht, die sich auf Weltniveau befinden.» Das sei schon ziemlich erstaunlich.
Und Schwarzwälder erinnert daran, dass Rioja noch im 18. Jahrhundert mehr Weiss- als Rotweine produzierte. «Das mit den Weissweinen ist keine neue Geschichte. Damals war Tempranillo fast gar nicht existent und ist heute mit 80 Prozent die wichtigste Rebsorte», sagt er. Noch würden die Weissweine nur 12 Prozent der gesamten Rioja-Produktion ausmachen. Doch die Konkurrenz, etwa aus Galicien, mache sich Sorgen, weil die weissen Rioja in den Bewertungen abräumen.
«Wir können mit den Weissen in Europa mithalten»
Mariasun Sáenz aus Rioja Alavesa ist so ein Beispiel für schöne Weissweine. Sie startete mit ihrem Weingut Ostatu (kein Importeur) vor 20 Jahren. Ihre Reben gedeihen auf einer Höhe von bis zu 700 Metern, was Schwarzwälder flapsig als «sauhoch» bezeichnet. Sie arbeitet mit den Sorten Viura (bekannt für ihre Lagerfähigkeit), Malvasía und Tempranillo blanco. «Wir sind mit unseren Weissweinen auf gutem Weg. Sie können mit den Top-Weinen in Europa mithalten.» Tatsächlich: Ihr Lore 2022, eine Cuvée aus Viura und Malvasía, zeigt sich frisch, mineralisch, mit Noten von weissen Blumen und Zitrus, leicht salzig im Abgang: 17,5 Punkte.
Önologin Ana Martín von Castillo de Cuzcurrita (Mövenpick Wein) hat in ihrem Gepäck einen frischen Blanca 2021 mitgebracht, der zu 100 Prozent aus Viura besteht. Das Weingut entschied sich erst 2017, Weisswein zu produzieren. Es hat sich gelohnt: 18 Punkte in der GastroJournal-Bewertung. Wichtig sei, so die renommierte Önologin, die alten Rebstöcke zu schützen.
«Schweizer entdecken unsere Weissen erst»
Lalo Antón von der Bodega Izadi relativiert, wenn es um die Weissen aus dem Rioja geht: «Europa ist ein sehr guter Markt, vor allem Skandinavien und Grossbritannien. Die Schweizer ziehen Rotweine vor und entdecken unsere Weissen erst.» Allerdings ist Rioja bei der Konsumation von spanischen Weissweinen letztes Jahr erstmals auf den zweiten Rang nach der Region Rueda vorgestossen. Rías Baixas mit Albariño figuriert neu nur noch auf dem dritten Platz. Die Rede ist von einer Weissweinrevolution in Spanien.
Die Bodega Izadi (Casa del Vino) produzierte mit dem El Regalo 2021, ein super Jahrgang im Rioja, erstmals einen solchen Weisswein. Heute gibt es im Rioja sechs verschiedene Weissweinsorten. Neben der erwähnten Viura (wichtigste Sorte), Malvasía und Tempranillo blanco auch die fruchtige Garnacha blanca. Zugelassen sind zudem die international bekannten Sorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc und Verdejo. «Wir haben so mehr Abwechslung und bauen die Weine nicht nur in Barriques aus, sondern auch im Betonei oder in der Amphore. Das gibt uns Flexibilität.»
Neben den Weissen aus La Rioja gibt es einen weiteren Trend aus der sowohl traditionellen als auch innovativen Weinregion: Er heisst Viñedo Singular. Der Begriff steht seit 2017 für einzigartige Rebberge mit besonders strengen Qualitätsanforderungen, was die Produktion von hochwertigen, terroirspezifischen Weinen betrifft. Damit Winzer ihre Weine als Viñedo Singular bezeichnen können, müssen sie nach der Zertifizierung zusätzlich durch eine strenge Jury mit rund 20 anonymen Verkostern und 93 Punkte erreichen. Ein besonders schönes Beispiel eines Viñedo Singular ist etwa der Hacienda Pradolagar 2018 der Bodegas y Viñedos Marqués de Vargas (Mövenpick) von 40 Jahre alten Rebstöcken mit 75 Prozent Tempranillo und 25 Prozent Mazuelo, 18 Punkte.
Trend Viñedo Singular
«Wir sind stolz auf unsere Reserva und Gran Reserva respektive auf deren Lagerpotenzial. Doch in den letzten Jahren produzierten wir Weine, die das Terroir und die Diversität unseres Weingebiets ausdrücken», erklärt der in Logroño geborene Winzer Rafael Vivanco. Die Rebfläche mit Viñedo Singular dehne sich von einst 250 auf gegen 300 zertifizierte Hektaren aus – bei einer Gesamtfläche von 66 797 Hektaren. Interessant dabei: Rioja Alavesa als kleinste der drei Produktionszonen im Rioja DOCa sorgt für 45 Prozent aller Viñedo Singular.
Der Weintourismus wachse jedes Jahr, womit Vivanco einen weiteren Trend erwähnt. Inzwischen würde La Rioja jährlich von rund einer Million Touristen besucht. 40 Prozent davon reisen aus dem Ausland an. Wichtigster Markt sind die USA, gefolgt von Frankreich und Deutschland. «Wir bleiben authentisch und werden nicht zum Disneyland», verspricht Vivanco.