Thomas Bissegger, du hast zum Thema KI eine Masterarbeit geschrieben und dozierst im Bereich Entrepreneurship & Innovationen an der EHL Hotelfachschule Passugg zu diesem Thema. Was fasziniert dich an KI?
Thomas Bissegger: Ich finde die Verbindung von Technologie und deren Wirkung in der Praxis sehr spannend. KI verändert im Prinzip alles. Nicht nur technisch, sondern auch den Menschen. Die Technologie schafft für uns Menschen viel Freiraum, den wir – gerade im Bereich der Hotellerie und Gastronomie – für Dienstleistungen und Service nutzen können. In diesem Zusammenhang ist es für mich immer das oberste Ziel, mit dem Einsatz von KI einen konkreten Nutzen zu generieren. Also, dass für die Menschen, die damit arbeiten, ein echter Mehrwert entsteht.
Was lernen deine Studierenden bei dir an der EHL Hotelfachschule Passugg über KI?
Ich will ihnen in erster Linie vermitteln, dass KI keine Bedrohung für die Gastronomie- und Hotelleriebranche ist. Sie sollen lernen, dass KI ein Instrument ist, das sie benutzen und sinnvoll einsetzen sollen. Wichtig ist mir insbesondere, dass sie die Technologie hinterfragen. Sie sollen sich die Frage stellen, ob und für welche Prozesse KI geeignet ist und was das für sie als Person und für den Betrieb bedeutet. Dabei geht es auch darum, sich mit Datenschutz und Quellen, aus der die KI ihre Informationen zieht, auseinanderzusetzen. Dieses kritische Denken nehmen die Studierenden nach ihrem Abschluss mit in die Betriebe und die Branche und bereichern diese damit.
Wie nimmst du den aktuellen Hype um KI-Lösungen wahr?
Der Hype um die KI-Produkte ist wie Licht und Schatten. Zum einen finde ich es gut, dass in der Gastronomie- und Hotelleriebranche über das Thema gesprochen wird und richtige Diskussionen entstehen. Als die ersten KI-Lösungen auf den Markt kamen, waren viele Betriebe ihnen gegenüber eher zurückhaltend oder hatten Angst vor der Veränderung. Das hat sich in den letzen drei Jahren verändert, was positiv ist. Auf der anderen Seite werden, meiner Meinung nach, die Fähigkeiten von KI teilweise überschätzt. Es gibt Studien, die sagen, dass KI gewisse Arbeitsplätze in kürzester Zeit überflüssig machen werden. Davon sind wir weit entfernt. Die Forschung geht davon aus, dass KI die Arbeit teilweise sogar erhöht und nicht vermindert. Ein Allerheilmittel für lästige oder unnötig empfundene Arbeit ist sie daher sicher nicht.
Wie verbreitet sind KI-Lösungen in der Branche?
Man kann sagen, dass KI in der Branche angekommen ist. Dass nicht alle Betriebe auf solche Lösungen setzen, liegt in er Natur der Sache. Gute KI-Lösungen sind preisintensiv und daher nicht für alle Betriebe erschwinglich. Das ist mitunter ein Grund, dass KI, im Vergleich zu anderen Branchen, in der Gastronomie und Hotellerie erst am Anfang steht, obwohl das Potenzial riesig ist.
In welchen Bereichen siehst du das grösste Potential?
Vor allem dort, wo ein Betrieb mit Daten arbeiten muss. In der Gastronomie betrifft das unter anderem die Bereiche Menüplanerstellung, Arbeitsplaneinteilung, Bestellliste oder Food Waste. Aber auch im Bereich Marketing, Backoffice und Reservierungssystem kann KI eine grosse Hilfe sein.
Wie nimmst du die Offenheit der Branche gegenüber KI wahr?
Ich nehme die Branche zwar als offen, aber mit gewissen Vorbehalten wahr. Es gibt nach wie vor viele Fachleute in dieser Branche, die der Technologie noch nicht vertrauen oder ihr Potenzial noch nicht erkennen. Natürlich hängt das auch mit den Kosten, dem möglichen Nutzen und der Administration von KI zusammen. Darum sind solche Auftritte, wie ich ihn an der Gastia dieses Jahr wahrnehmen darf, essenziell.
Du wirst an der Gastia zum Thema «Intelligente Technik, echter Service – KI neu gedacht» referieren. Was willst du den Zuhörenden mitgeben?
Ich möchte an diesem Forum drei Punkte mitgeben. Erstens: KI ist keine Zukunftsmusik. Sie ist bereits da und wird nicht mehr verschwinden. Zweitens: KI ist kein technisches Wunder, sondern kann, wenn es in einem grösseren Kontext betrachtet wird, viel mehr bewirken. Und drittens: Der Mensch bleibt weiterhin im Zentrum. Gerade in der Gastronomiebranche, die von ihren Dienstleistungen, sei es Kochen, Service, Beherbergung, lebt, wird der menschliche und persönliche Kontakt nicht verschwinden.
Der Markt für KI ist gross und die Lösungen vielfältig. Wie kann man als Gastronom oder Hotelière die richtige Lösung für seinen Betrieb finden?
Eine Beratung ist in jedem Fall sinnvoll. Wichtig ist, dass man sich stets die richtigen Fragen stellt: Welchen Prozess will ich wo vereinfachen oder automatisieren? Welches Budget steht mir zur Verfügung? Wie nutzerfreundlich ist die Anwendung? Zudem ist es immer wichtig, das gesamte Umfeld, also auch Angestellte, in diesen Prozess einzubinden. Denn sie werden, je nach Grösse oder Ausrichtung des Betriebs, vielleicht sogar mehr mit KI arbeiten müssen als die Chefin oder der Chef selbst.
Wie wird sich die Branche mit KI in den kommenden Jahren entwickeln?
Der Peak ist sicher noch nicht erreicht. Die Automatisierungen im Hintergrund werden zunehmen und die Betriebe dort entlasten. Das hat den Vorteil, dass das Personal sich dann an vorderster Front um die Gäste kümmern und den Aufgaben nachkommen kann, wofür es eigentlich da ist. Wenn man es richtig macht, gehe ich sogar davon aus, dass man in gewissen Bereichen dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann.